Warum ich Goethe hasse

Veröffentlicht: Freitag, 29. November 2013 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
Er war der Prototyp des arrivierten, von Speichelleckern umschleimten Erfolgsautors. Doch nicht nur die Mitwelt, auch die Nachwelt erhob Johann Wolfgang von Goethe  zum größten Dichter, der je gelebt hat. Warum gerade ihn? An seinem Werk allein kann es nicht liegen. Eher an dessen Repräsentanz. 

Ist doch sonnenklar, warum ich Goethe hasse: Er ist der Prototyp des arrivierten, verwöhnten, vollgefressenen Erfolgsliteraten. Finanziert von der politischen Macht, umschleimt und göttergleich verehrt vom kulturbeflissenen Spießertum und egomanisch alles eigenständige Leben und Blühen um sich erstickend. Als Autor weit überschätzt und als Mensch – sagen wir es offen – doch ein ziemliches Schwein.

Die Frage ist nur, warum stehe ich mit dieser Ansicht so allein? Auf der ZDF-Liste der „Größten Deutschen“, die 2003 im Rahmen einer Mitmach-Show gekürt worden sind, rangiert Goethe selbstredend unter den ersten Zehn, während Schiller abgeschlagen auf Platz 68 gelandet ist – weit hinter Karl May, weit hinter Heino und meilenweit hinter Dieter Bohlen. Wie ist es möglich, dass die Deutschen so wählen – also jetzt nicht in Bezug auf Heino und Bohlen, sondern in Bezug auf Goethe und Schiller?

Wenn die Deutschen ins Theater gehen, wählen sie anders: Schiller ist nächst Shakespeare der meistgespielte Autor auf den deutschsprachigen Bühnen, mithin also der meistgespielte deutsche Autor, während Goethe mit dem „Faust“ (genauer: mit dem Faust I bzw. dem Urfaust) zwar unvermeidlich die Bühnenstatistiken anführt, ansonsten aber kaum vertreten ist. Und wie sieht es mit der Lektüre aus? Gewiss, die Deutschen verehren Goethe hoch, aber niemand soll mir weismachen, dass sie ihn auch lesen. Wann haben Sie zuletzt in den „Xenien“ geblättert? Was wissen Sie noch über Götz von Berlichingen, außer dem einen berühmten Zitat? Während Schiller immer wieder neu entdeckt und rezipiert wird, setzen die Goethe-Bände in den deutschen Bücherschränken eine dicke Staubschicht an. Nur ein sehr geringer Teil seines umfangreichen Lebenswerkes hat die Zeiten überdauert.

Göttergleich und abgehoben - so lieben die Deutschen ihren Goethe.Göttergleich und abgehoben - so lieben die Deutschen ihren Goethe.

Die nationale Überzeugung, Goethe sei der größte Autor, der je gelebt hat, hat mit seinem Lebenswerk auch wenig zu tun; sie wird gedankenlos selbst von Menschen geteilt, die nie eine Zeile Goethe gelesen haben. Faust und Werther mögen Meilensteine der Literaturgeschichte sein, aber hier geht es nicht um das Werk an sich, sondern um dessen Repräsentanz. Goethe war ein Vorzeige-Dichter – diese Rolle hat er früh für sich angenommen und bis zum Ende durchgezogen, ohne Rücksicht auf Verluste. In nahezu jeder seiner Zeilen scheint die bewusste Repräsentanz zu schwingen, das wohl erwogene Kalkül der Bedeutsamkeit. Schon zu Lebzeiten schuf er seinen eigenen Mythos, und die ihn umgaben, wirkten mit bebender Beflissenheit dabei mit. Goethe war gerade so, wie sich der deutsche Bildungsspießer einen offiziellen Nationaldichter vorstellt. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen. Nicht umsonst war es gerade die Hohe Zeit des deutschen Nationalismus nach dem Sieg von 1871, die Goethe endgültig in den literarischen Olymp hob.

 Gewiss, für diese Auswüchse konnte er nichts. Und dennoch sehen wir an seiner Person, dass es offenbar weniger wichtig ist, begabt oder genial zu sein, als der Welt begabt oder genial zu erscheinen. Es ist kein Zufall, dass der Herzog Carl August gerade Goethe gefördert hat und nicht Schiller oder Lenz. Wäre der deutsche Literaturbetrieb im 18. Jahrhundert schon präsent gewesen, er hätte ebenso gehandelt. Es sind immer die Goethes dieser Welt, die die umdienert, verehrt und gefördert werden. Und man kann nicht einmal in jedem Fall sagen, dass sie das bewusst provozieren. Sie profitieren einfach von der Dummheit der Menschen, von ihrer Neigung, auf die Scharlatane der Repräsentanz hereinzufallen.

Und so gesehen ist es womöglich gar nicht Goethe, den ich hasse. Ich hasse den vertrackten Mechanismus aus Selbstvermarktung, Weihrauch und Eitelkeit, auf dem der offizielle Literaturbetrieb beruht und der alle wahre Kreativität erstickt. Ich hasse Goethe nicht als Person, sondern als heute noch geltendes Prinzip.

 In diesem Sinne: Fack ju Göhte!