Maria und Josef unterwegs in Deutschland - die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Veröffentlicht: Sonntag, 01. Dezember 2013 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
In der Adventszeit 2011 und 2012 schickte die "Zeit" Maria und Josef durch das gegenwärtige Deutschland. Ein Reporter und eine Schauspielerin baten als obdachloses Paar um Hilfe - einmal im Taunus, wo die Reichen wohnen, und einmal im Berliner Problembezirk Neukölln.

In der Adventszeit 2011 unternahm ein Redakteur der „Zeit“ zusammen mit einer Schauspielerin ein eindrucksvolles soziales Experiment: Als obdachloses Paar verkleidet durchwanderten die beiden die idyllischen kleinen Orte im Taunus, wo die reichsten Bürger Deutschlands leben, und baten um Hilfe in ihrer Not.

Sie klingelten vor den Toren der Nobelvillen und wurden über die Sprechanlagen von barschen Haushälterinnen oder philippinischen Kindermädchen abgewimmelt. Sie baten den katholischen Pfarrer um ein Obdach und wurden mit Almosen fortgeschickt. Sie betraten ein Nobelhotel und wurden vom Manager hinauskomplimentiert mit den Worten: Das ist heute unpassend, wir haben gerade eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Reichen, so der Befund der Reportage, delektieren sich zwar in Predigten und Krippenspielen gern an der Geschichte von Maria und Josef, nehmen aber nicht die Hilfesuchenden in ihrer eigenen Umgebung wahr.

Die Reportage löste derart heftige Debatten aus, dass der Zeit-Redakteur sich entschloss, das Experiment ein Jahr später im Berliner Problembezirk Neukölln zu wiederholen – und hier bot sich nun ein ganz anderes Bild. Zwar wurden Maria und Josef auch diesmal nicht selten hart von der Schwelle gewiesen, wenn sie auf den Straßen Neukölln um Obdach, Arbeit und Geldspenden baten. Doch sie fanden auch immer wieder Mitgefühl und Solidarität. Gerade Menschen, die selbst nur in bescheidenem Maße mit irdischen Glücksgütern gesegnet waren, zeigten sich bereit zu helfen: Der Gemüsehändler, der Maria und Josef eine Tüte Obst in die Hand drückte. Der türkische Taxifahrer, der sämtliche Obdachlosenheime für sie abtelefonierte. Der Skatbruder, der Maria einen Job als Aushilfskellnerin besorgte.

Das Fazit der beiden Reportagen: Die Reichen sind nicht per se die schlechteren Menschen, doch sie schotten sich so in ihren Ghettos ab, dass sie Bedürftigkeit nur aus der fernen Weihnachtsgeschichte kennen und für sich selbst überhaupt nicht mehr auf dem Schirm haben. In Neukölln dagegen, wo Obdachlosigkeit und Not allgegenwärtig sind, wo man den Blick nicht davon abwenden kann, ist Barmherzigkeit im christlichen Sinne möglich.