Die politische Korrektheit ist der Tod des Journalismus

Veröffentlicht: Donnerstag, 03. April 2014 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
Die politische Korrektheit ist das Unkorrekteste von der Welt: Mit dieser Haltung, die in Presse und Medien dominiert, wird unsere Intelligenz beleidigt und der Frust des Volkes geschürt.

 

Letzten Winter bin ich mal wieder über die politische Korrektheit gestolpert, als ich im Internet von einem Verbrechen in Bad Homburg las: Ein Vater hatte seine 16jährige Tochter mit vierzig Messerstichen attackiert und dann im Keller seiner Wohnung verbluten lassen. Soweit die Meldung; und zweierlei ist dabei charakteristisch für meine Reaktion wie auch für diejenige der Welt: Erstens, dass ich mich augenblicklich fragte, ob dies wohl ein „gewöhnliches“ Verbrechen sei oder eines mit Migrantenhintergrund. Und zweitens, dass ich größte Mühe hatte, dies anhand der einschlägigen Pressemeldungen herauszufinden. Zwar berichteten die meisten großen Zeitungsverlage in ihren Webportalen über das Ereignis, aber dass der Mörder Afghane war, hielt kaum ein Redakteur der Erwähnung für wert.

Umso prononcierter wurde dieses Faktum von etlichen privaten Bloggern vermerkt, und zwar in erster Linie von solchen mit rechtsradikalem oder zumindest rechtslastigem Hintergrund. Da fehlte es nicht an düsteren bis hasserfüllten Betrachtungen über Islamismus und Ehrenmorde, und in den Kommentaren, die durch solche Artikel ausgelöst wurden, schrieben sich die Leute in drastischen Worten ihre Angst, ihre Wut und ihren Frust von der Seele.

Hier das schimpfende Volk, da die verschweigende Presse. Das ist das Ergebnis der politischen Korrektheit, der sich hierzulande jedes halbwegs seriöse und etablierte Blatt verpflichtet fühlt. Natürlich würden sich die Verfasser der politisch korrekten Pressemeldungen entrüstet gegen den Vorwurf des Verschweigens, um nicht zu sagen: Unterschlagens von wichtigen Informationen verwahren. Würde man sie direkt fragen, warum sie nicht gemeldet hatten, dass es ein Afghane war, der seine Tochter brutal ermordet hat, so würden die meisten wohl ganz blauäugig sagen: Aber das ist doch völlig unwichtig, welcher Nationalität der Mann angehört! Wenn ein Deutscher mordet, wird das schließlich auch nicht eigens erwähnt!

Zwar ist das eine faule Ausrede, die unsere Intelligenz beleidigt und eigentlich keine Widerlegung verdient; doch es ist immerhin bemerkenswert, wie gern die politische Korrektheit zu solchen faulen Ausreden greift und so tut, als wäre gar kein Problem vorhanden. Ich hoffe, es gibt auch Journalisten, die zumindest vor sich selber zugeben würden, dass die Nationalität des Mörders in diesem Fall natürlich keine unwichtige Information ist. Wie würden die das Verschweigen derselben begründen? Wahrscheinlich würden sie ethische Aspekte ins Feld führen, die enorme Verantwortung der Presse, wenn es um den hochsensiblen Problemkreis „Gewalt mit Migrantenhintergrund“ geht. Man kennt doch, so würden sie argumentieren, diese unguten Stimmungen, die in der Bevölkerung am Köcheln sind, das ständige Gerede über die angeblich so hohe Ausländerkriminalität, die Empörung, mit der just auf solche Taten wie die in Bad Homburg reagiert wird. Soll man derart bösartigen, den Bürgerfrieden gefährdenden Tendenzen auch noch Vorschub leisten, indem man ausdrücklich darauf hinweist, woher der Mörder von Bad Homburg kommt? Ist es nicht vielmehr journalistische Pflicht, diesen Tendenzen entgegenzuwirken, im Interesse der Mitmenschlichkeit, die eine höhere Wahrheit darstellt als ein paar extreme Einzelfälle?

Hört sich gut an, aber solche Sprüche gehen von der Voraussetzung aus, dass man selbst mehr Durchblick hat als Krethi und Plethi, das man über ein Herrschaftswissen verfügt, das mit Bedacht zu dosieren ist. Und das kommt mir fatal bekannt vor. Ich habe in der DDR gelebt, und auch dort wurde höheren Orts entschieden, wie das Herrschaftswissen zu dosieren sei. Da fand Woche für Woche die sogenannte „Argu“ des Politbüros statt – „Argu“ für Argumentation –, auf der den Pressevertretern aller Redaktionen ultimativ verkündet wurde, wie das aktuelle Weltgeschehen zu bewerten und aufzubereiten sei. Auch meine Eltern, die beide Journalisten waren, verbrachten ihr Berufsleben mit dieser Argu, und sie hielten das für völlig selbstverständlich. Hätte man sie darauf angesprochen, so hätten sie vermutlich, wenn auch unter anderen Vorzeichen, ganz ähnlich argumentiert wie heute die politisch Korrekten: mit der Pflicht und Verantwortung der Presse, die es erlaube, ja sogar gebiete, Tatsachen unerwähnt zu lassen, wenn diese Tatsachen geeignet seien, in der Bevölkerung ein ungutes Klima zu schüren.

Bei DDR-Journalisten ist es leicht, auch diese Argumentation als faule Ausrede zu durchschauen, mit der die eigene Abhängigkeit vom System, aber auch die eigene Bequemlichkeit und Feigheit übertüncht werden kann. Aber wie steht es um die Journalisten heute, die freien Bürger einer freien Welt? Warum stellen sie sich selbst unter Zensur? Denn das tun sie, auf Schritt und Tritt. Nicht nur, dass sie Tabuthemen nicht anzurühren wagen, es scheint sogar, als ob sie sich solche Tabuthemen freiwillig selber schaffen. Und so gibt es mittlerweile eine stattliche Anzahl davon, selbst dort, wo sie der Leser gar nicht vermutet. Erst kürzlich musste ich zum Beispiel lernen, dass auch die deutsch-polnischen Beziehungen unter die Tabuthemen fallen: Ich hatte einen kleinen Bericht über Zahnärztepfusch in Polen geschrieben und versucht, diverse Medien für dieses Thema zu interessieren – ohne den geringsten Erfolg. Anscheinend ist im Augenblick heile deutsch-polnische Freundschaft angesagt – entsprechende Berichte findet man zuhauf. Dass polnische Zahnärzte pfuschen, lügen und Gefälligkeitsgutachten schreiben, hat in diesem schönen Klima nichts zu suchen. Die Redaktionen, die ich anschrieb, schickten mir nicht etwa Absagen, sie antworteten einfach nicht. Ich stand wie vor einer glatten Wand, und was mich am meisten verstörte, war die Einmütigkeit der Reaktionen. Was geht da vor? Wie läuft so was ab? Gibt es hier auch so eine kleine Argu, dezente Presserichtlinien von höherer Stelle, die den Redakteuren die Richtung weisen? Oder sind die Journalisten alle freiwillig so artig, dass sie in vorauseilendem Gehorsam Tabus wahren, die überhaupt nicht gesetzt sind? Gibt es keinen Mut, keinen Innovationsgeist mehr in einer Nation, die Journalisten wie Haffner oder Kisch hervorgebracht hat?

Auch wenn es wie ein Kalenderspruch klingt: Ein Journalist ist allein der Wahrheit verpflichtet, der ganzen Wahrheit, ohne Rücksicht auf die Gebote der politischen Korrektheit. Es gibt keine politisch korrekten Berichte – es gibt nur wahre oder verfälschte. Ein Afghane hat seine Tochter erschlagen? Und die Bevölkerung ist geladen über Gewalttaten mit Migrantenhintergrund? Dann lasst uns gemeinsam darüber sprechen: Was ist dran an diesem Vorurteil – wie ist es zu der Tat gekommen, die es zu bestätigen scheint? Forscht genau nach, und ihr werdet sehen, dass hinter den Phrasen und Vorurteilen ein konkretes Schicksal steht, das man differenziert beurteilen kann. Überlasst das Feld nicht den rechten Bloggern, die Hass und Hetze darauf säen. Gerade im Zeitalter des Internet ist Verschweigen nicht nur feige, sondern auch sinnlos. Brecht endlich die Tabus und Verklemmtheiten der politischen Korrektheit auf – sie sind der Tod jedes echten Journalismus!