Geifern gegen Google - zum Beispiel Adware

Veröffentlicht: Freitag, 05. Dezember 2014 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
Adware-Trojaner installieren Suchmaschinen, die uns zu dubiosen Firmenseiten oder Lotterien lenken sollen. Vor allem aber verfolgen sie den Zweck, Google das Wasser abzugraben. Und das sieht man in Deutschland gern.

 

Jeder Nutzer kennt die Plage, eine der übelsten des Computerzeitalters: Man lädt ein interessantes Programm herunter, und dann ist es auch schon passiert: Plötzlich öffnet sich anstelle des trauten Google-Startmenüs eine wildfremde Suchmaschine, die sich auch durch Änderung der Grundeinstellungen nicht abschalten lässt. Mitunter kann man seinen Browser nicht mehr öffnen. Tief im System findet man versteckte Programme, ohne Wissen und Willen des Nutzers installiert und äußerst mühselig zu entfernen. In schweren Fällen nützt auch keine Deinstallation, weil sich der Virus in die Registry eingenistet hat. Das Ganze heißt euphemistsch „Adware“ – abgeleitet und zusammengefügt aus den Worten „Advertisement“ und „Software“ –, und wer immer die auf seinem Rechner hat, kann sich auf viel Ärger und Arbeit gefasst machen, bis er die ungebetenen Gäste wieder los ist.

Mittlerweile gibt es Dutzende von Suchmaschinenanbietern, die sich via Adware zu verbreiten suchen; die einschlägigen Hilfsportale im Netz brauchen etliche Seiten, um sie auch nur aufzuzählen, und dann noch einmal so viele, um die Abhilfe gegen die Eindringlinge zu erläutern. Die Ergebnisse auf derartigen „Suchmaschinen“ führen zu Firmen, die sich auf diese fragwürdige Weise bekannt machen wollen, zu dubiosen Gewinnspielanbietern oder Lotteriebetreibern.

Die Frage ist, was sich die Adware-Initiatoren von diesem Vorgehen versprechen. Was können sie bei den Nutzern anderes bewirken als Wut und schärfsten Widerstand? Gibt es wirklich Menschen, die eine Suchmaschine annehmen, nur weil sie ihnen aufgezwungen wurde – die plumpe Werbung anstelle von echten Suchergebnissen akzeptieren? Ich selbst könnte jeden kaltblütig erwürgen, der mir ohne mein Einverständnis eine Software oder Suchmaschine installiert. Nie würde ich ein Programm benutzen, das ich als Adware empfangen habe, selbst wenn ich es gebrauchen könnte. Und doch muss das Prinzip Adware von einigem Erfolg gekrönt sein, denn es wird grassierend angewandt, mitunter sogar von Firmen unterstützt, die sich selbst als seriös bezeichnen. So umfassend sind die Internetprogramme mittlerweile von Adware verseucht, dass man kaum noch einen Download wagen kann.

Das Ganze läuft unter Werbung und ist völlig legal. Jeder darf uns hierzulande straffrei die übelsten Viren unterjubeln, und das ist für mich der eigentliche Skandal. Dass dubiose Geschäftemacher zu kriminellen Mitteln greifen, liegt in der Natur der Sache; doch wenn der Staat diese kriminellen Mittel duldet bzw. legalisiert, dann kann man schon ins Grübeln kommen. Man mag sich einreden, der Gesetzgeber hätte das Adware-Problem einfach nicht auf dem Schirm; er hat ja vieles nicht auf dem Schirm, was mit dem Internet zusammenhängt. Doch wenn es darum geht zu reglementieren und die Freiheit des Netzes zu beschneiden, ist eigentlich auf ihn Verlass: Für ein falsch platziertes Rubrum auf einer Website oder ein illegal heruntergeladenes Foto werden drakonische Strafen verhängt. Doch dieselbe Justiz, die gern bereit ist, für kleine Fehltritte im Netz ganze Existenzen zu ruinieren, schaut freundlich zu, wenn windige Geschäftsleute in Größenordnungen mit ihren Adware-Trojanern unsere Rechner verseuchen; und man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, dass es für dieses freundliche Zuschauen sehr spezielle Gründe gibt. Immer geht es bei der Installation von Adware auch darum, Google das Wasser abzugraben. Und das wird bei den europäischen und insbesondere bei den deutschen Volksvertretern gern gesehen. Was gegen Google geht, ist wohlgetan; da wird selbst das hinterhältige Installieren von Malware zur Heldentat. Die Herren Volksvertreter pflegen zwar zu behaupten, dass die Verbraucher durch Google manipuliert und ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt würden; wird aber den Verbrauchern über Adware-Viren eine andere Suchmaschine aufgenötigt, so betrachten sie das nicht als Manipulation, sondern als legale Werbung. Was würden sie für ein Geheul anstimmen, wenn Google zu derartigen Mitteln griffe, um Konkurrenten auszuschalten! Mit welch tiefer moralischer Entrüstung würden die Politiker die Übeltäter geißeln und bekämpfen! Und die Justiz, welch empfindliche Sanktionen, welch hohe Strafgelder würde sie verhängen, alles im Namen der Gerechtigkeit und der Lauterkeit des Wettbewerbs. Doch diese schönen Grundsätze gelten selbstverständlich nur dann, wenn es gegen Google geht. Um andere Suchmaschinenbetreiber kümmert sich die Öffentlichkeit kaum. Die Adware-Produzenten können ungehindert immer weitermachen.

Es ist schwer zu erklären, warum Google in Deutschland einerseits bei den Nutzern so beliebt ist – der Marktanteil liegt bei fast 95 % – und dabei andererseits von quasi offizieller Seite, also von Presse, Politik und Justiz über alle Regeln der Fairness hinweg so vehement abgelehnt und bekämpft wird. Auch an den Teetischen der Intellektuellen gehört es längst zum guten Ton, sich abfällig über Google zu äußern. Trotzdem nutzen alle diese Leute Google natürlich ebenso wie wir. Auch die Abgeordneten des europäischen Parlaments, das kürzlich mit solch strammer Mehrheit die Zerschlagung Googles beschlossen hat, griffen im Anschluss an die Abstimmung mit Sicherheit zu ihren Handys, um Vokabeln, Flugverbindungen, Termine oder Gartengeräte zu googeln. Die Schizophrenie, die darin liegt, scheint keinem von ihnen aufzugehen.

Ein besonders übles Beispiel für die deutsche Haltung zu Google ist die Geifer-Reportage „Die geheime Macht von Google“, die Anfang Dezember 2014 von der ARD gesendet wurde. Die Grundthese war einmal mehr der angebliche Datenmissbrauch durch Google; und da zu dieser Grundthese keine plausiblen Fakten angeführt werden konnten, beschränkte sich die Reportage darauf, unterlegene Google-Konkurrenten vorzustellen, die sich durch den Marktführer geschädigt fühlten: Ein Lobbyist des Springer-Konzerns warf sich als heldenhafter David im Kampf gegen Goliath in die Brust, desgleichen ein Landkartenproduzent, der jahrelang mit Abmahnungen die Nutzer seiner Angebote abgezockt hatte, bis ihm Google Maps das Handwerk legte. Beide prozessieren gegen Google in der Hoffnung, den Konzern um Riesensummen zu erleichtern, und so wie Europas Justiz unterwegs ist, steht leider zu befürchten, dass es ihnen gelingt.

Wenn sich solche Gestalten im deutschen Fernsehen als Helden präsentieren dürfen, sagt das einiges aus über den Zustand des Landes. Und es erklärt auch, warum gegen unseriöse Suchmaschinenbetreiber so gar nichts unternommen wird. Auch diese sind vermutlich Helden in den Augen der Google-Gegner. Und so müssen wir wohl weiter damit leben, dass dubiose Suchmaschinenbetreiber uns die Rechner mit Adware verseuchen.