Der Schlager und das Meisterwerk

Veröffentlicht: Donnerstag, 03. April 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Wie ein Filmregisseur es schaffte, einen ganz gewöhnlichen Schlager mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben. 

Am Anfang stand ein ganz gewöhnlicher Schlager, der von Herzschmerz und verlorener Liebe handelt. Die spanische Sängerin Jeanette Dimech, bekannt unter ihrem Vornamen Jeanette, nahm ihn 1974 auf, ohne damit besondere Beachtung zu finden. Doch dann wurde das Lied in einem hoch gelobten und vielfach preisgekrönten spanischen Spielfilm aus dem Jahre 1976 gespielt: „Züchte Raben“ (Cria Cuervos) von Carlos Saura. Und das war sein Durchbruch, nicht nur in Spanien, sondern international. In Deutschland mutierte das unscheinbare Liedchen sogar zu einem Nummer-Eins-Hit. Es gibt mehrere deutsche Fassungen, natürlich auch eine englische, doch keine trifft den rätselhaften Reiz des spanischen Originals.

Geraldine Chaplin und Ana Torrent in Carlos Sauras Film  "Züchte Raben" von 1976Geraldine Chaplin und Ana Torrent in Carlos Sauras Film "Züchte Raben" von 1976

 Worin genau besteht dieser Reiz, der auch nach vierzig Jahren noch wirkt? Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich den Film sehe, weiß und fühle ich es sehr genau. "Züchte Raben" zeigt Spanien in den letzten Jahren der Franco-Ära. In den Hauptrollen agieren Sauras damalige Lebensgefährtin Geraldine Chaplin und der erst neunjährige Kinderstar Ana Torrent. Es geht in dem Film um ein kleines Mädchen, das die Macht über Leben und Tod entdeckt. Sie hat von ihrer Mutter eine Dose mit einem weißen Pulver bekommen, von dem sie glaubt, es sei ein tödliches Gift, und das sie einsetzt, um Strafen zu verhängen – züchte Raben, und sie werden dir die Augen aushacken. Zwar erweist sich das Pulver letztendlich als harmlos, doch die bloße Fiktion eines dramatischen Abgrunds schafft dem Film etwas einen doppelten Boden und taucht selbst die harmlosesten Vorgänge in eine sonderbar morbide Färbung. Und in dieser Färbung scheint dann plötzlich auch „Porque te vas“ einen doppelten Boden zu haben, einen dekadenten Rhythmus, eine schräge Phrasierung, die dem schlichten Herzschmerz-Text eine verborgene Bedeutung gibt.

Ich weiß nicht: Bilde ich mir das nur ein, weil ich mir dieses Lied außerhalb der morbiden Atmosphäre des Films gar nicht mehr vorstellen kann? Oder hat Saura es ausgewählt, weil er die Morbidität darin von Anfang an gehört und gespürt hat? Doch wie auch immer, dieses Lied hat mich von jeher fasziniert, und mit Freude grabe ich es hiermit aus, damit sich vielleicht auch noch andere Menschen seinen rätselhaften Reiz für sich entdecken.

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Jeanette: "Porque te vas" (1974)