Solo Sunny - ein DDR-Schicksalsfilm

Erstellt: Mittwoch, 30. April 2014 Veröffentlicht: Mittwoch, 30. April 2014 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
Renate Krössner hat sie gespielt, Regine Dobberschütz hat sie gesungen: Die Schlagersängerin Sunny aus Konrad Wolfs Film "Solo Sunny" von 1979 wurde zu einer Kultfigur in der DDR.

 

Das Bild ziert jedes Solo-Sunny-Plakat, prangt über jedem Solo-Sunny-Artikel: Renate Krössner als Schlagersängerin Sunny, stark geschminkt und mit auffälligem Kopfschmuck, hebt das Mikro und stimmt ihr Solo an, ein Lied mit schlagerhaft simpler Melodie und völlig abstrusem englischem Text. Wer weiß, wie es außerhalb des Films beim Publikum angekommen wäre; doch im Rahmen der Sunny-Geschichte wurde es ein enormer Erfolg, sowohl für Günter Fischer, der es komponiert hat, als auch für die Sängerin Regine Dobberschütz, die der Sunny ihre Stimme lieh. Der Film war Kult in der DDR; für mich ist es die einzige Defa-Produktion, die zu meinen Lieblingsfilmen zählt.

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Regine Dobberschütz: Solo Sunny (1979)

Warum? Was macht den Film zum Meisterwerk? Es ist, wie oft bei filmischen Meisterwerken, nicht ein Faktor allein, sondern eine Verkettung von glücklichen Konstellationen. Als Autorin neige ich immer dazu, die Qualität eines Films auf die Qualität seiner Dialoge zurückzuführen; und die Dialoge von Wolfgang Kohlhase sind in der Tat eine Klasse für sich: so gescheit, lakonisch und pointiert, dass wir Ex-DDR-Bürger bis heute im Alltag unsere Lieblingssätze daraus zitieren: „Is ohne Frühstück“, oder: „Bei die Kohle, die ick verdiene, kann ick doch jar nicht doof sein.“ Hier mein persönlicher Lieblingsdialog: Der Bandleader schaut Sunny zu, wie sie sich am Schminktisch auf ihren abendlichen Auftritt vorbereitet. „Du schminkst dich und schminkst dich wie ’ne Nutte“, sagte er. „Na und?“, erwidert Sunny. „Ich geh ja vor die Leute und nicht pissen.“

Renate Krössner in "Solo Sunny" (1979)Renate Krössner in "Solo Sunny" (1979)

Woher aber hat Wolfgang Kohlhase die Inspiration bezogen, die ihn zu solcher Hochform auflaufen ließ? Das ist der zweite Glücksfall: der Plot – das Porträt einer unangepassten jungen Frau. Kohlhase hat sie gekannt: Sanije Torka, Schlagersternchen und Nebenrollen-Schauspielerin, ein bunter Vogel in der braven DDR-Gesellschaft, nicht mal sonderlich sympathisch, aber eine Heldin, so widerborstig, so lebensvoll und ungeschminkt (trotz ihres hohen Schminke-Verbrauchs), wie ein Film sie sich nur wünschen kann. Sie ist Schlagersängerin: von den Leuten, denen sie sich preisgibt, als banale Existenz verachtet und belächelt und doch für sie auch die Sendbotin einer freien, über-bürgerlichen Welt. Mich berührte vor allem ihr Rudern gegen die Erfolglosigkeit; das war es, was mich mit ihr verband. Wie Tschechovs Nina Saretschnaja muss sie erkennen, dass ihr der Rückweg ins bürgerliche Leben für immer abgeschnitten ist, und nimmt das Kreuz ihres Scheiterns auf sich.

Vor einigen Jahren ist Sanije Torka noch einmal die Heldin eines Films geworden: Die Filmemacherin Alexandra Czok hat sie in der MDR-Dokumentation „Solo für Sanije“ porträtiert. Es ist Sanije nicht gut gegangen nach der Wende. Die DDR hatte sie reglementiert und beengt, doch ihr immerhin einen Existenzrahmen und ein Auskommen ermöglicht. In der Freiheit der Bundesrepublik brach ihr der Boden unter den Füßen weg – Arbeitslosigkeit, Existenznot, das Übliche halt, und jünger ist sie inzwischen natürlich auch nicht geworden. Sanije begann zwanghaft zu klauen, kam in den Knast, litt an Depressionen. Für die Welt ist sie nur mehr in einer Hinsicht interessant: weil sie einmal das Urbild der Sunny war. She’s Sunny they will say some day…

So wie für sie ist „Solo Sunny“ für die meisten der Beteiligten zu einer Art Schicksalsfilm geworden, oft zu einem Höhepunkt ihrer Karriere. Da ist Renate Krößner in der Rolle ihres Lebens. Da ist der Regisseur Konrad Wolf, der sich für den Film stark machte, obwohl ihm Sunnys Welt wohl sehr fremd war; wahrscheinlich ist es seinem Renommee als antifaschistisch-linientreuer Künstler zu verdanken, dass "Solo Sunny" überhaupt das Licht des DDR-Kinos erblickte. Da ist der junge Klaus Brasch, der hier überhaupt zum ersten Mal seine enorme Begabung ausspielen konnte – und sich wenige Monate nach den Dreharbeiten, kaum dreißigjährig, zu Tode soff. Da sind die Nebendarsteller, allesamt vorzüglich, die noch Jahrzehnte später stolz darauf sind, in diesem Film mitgewirkt zu haben. Und da ist die Musik, da ist Sunnys Solo, das unter gewöhnlichen Umständen vielleicht nur ein gewöhnlicher Schlager gewesen wäre, doch hier die lakonische Poesie des Filmes aufzunehmen scheint und so zu einem Stück Zeitgeist wird.