Hans Blum - ein Komponist im Schatten seiner Ohrwürmer

Veröffentlicht: Samstag, 06. September 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Jahrzehntelang komponierte Hans Blum zahlreiche Schlager, die zu Ohrwürmern wurden. Doch selbst blieb er so gut wie unbekannt. Das änderte sich auch nicht, als ihm 1977 mit dem Autosong "Im Wagen vor mir" ein großer Erfolg als Sänger gelang.

 

Sie kennen keinen Komponisten Hans Blum? Aber klar doch, Sie kennen ihn, und wenn Sie der weltfremdeste Musikmuffel sind. Hans Blum ist das klassische Beispiel des Schöpfers, der im Schatten seines Werks verschwindet. Der Song „Zigeunerjunge“ ist für uns alle mit der Sängerin Alexandra verbunden, die ihn so gefühlvoll interpretierte. Niemand fragt, wer die schöne Komposition, das intelligente Arrangement, den poetischen Text zu verantworten hat. Richtig, das war Hans Blum – so wie er noch viele Dutzende von Liedern zu verantworten hat, die wir über Jahre und Jahrzehnte mitgeträllert haben.

Allrounder im Schlagergeschäft: Hans Blum (*1928)Allrounder im Schlagergeschäft: Hans Blum (*1928)

Er schrieb für alle Größen im Schlagergeschäft, von Howard Carpendale bis Hildegard Knef; er schrieb für alle Gemütslagen, vom neckischen „Zucker im Kaffee“ bis zum dramatischen „El Lute“, und immer fand er Melodien, die zu Ohrwürmern wurden. Kleinigkeiten konnten ihn inspirieren: Die Idee zum „Zigeunerjungen“ etwa kam ihm beim Anblick einer schwangeren Zigeunerin, die in seiner Nachbarschaft Teppiche verkaufte. In einem Interview verglich er seine Lieder mit einem Tagebuch seines Lebens.

Doch Hans Blum, Jahrgang 1928, ist weit mehr als nur ein Komponist. Von jung auf für die Musik bestimmt, hat er im Schlagerbusiness so ziemlich alles mitgemacht, was man nur irgend mitmachen kann. Er war Kontrabassist und Sänger, Bandleader und Orchesterleiter, Arrangeur und Schlagertexter, Plattenproduzent und Organisator… Hans Dampf sollte er heißen, denn er ist im Laufe seines langen Lebens wirklich durch alle Gassen getobt.

Schon immer hatte er gelegentlich gern seine charakteristische raue Reibeisenstimme ertönen lassen. Doch seine eigentliche Karriere als Sänger begann erst in den 1970er Jahren, als er unter dem Pseudonym „Henry Valentino“ seine eigenen Songs zu interpretieren begann – nostalgische, schon damals etwas altmodisch wirkende Schlager, die sich erfreulich gut verkauften Vielleicht hatte er den Wunsch, endlich aus dem Schatten seines Werkes heraus und ins Rampenlicht zu treten. Es wird auch berichtet, dass sich niemand fand, der „Im Wagen vor mir“ hätte singen wollen, so dass Blum notgedrungen zur Selbstvermarktung schritt; und just mit diesem Lied gelang ihm 1977 ein richtig großer Hit.

Wieder war es eine Momentaufnahme des Alltags, die ihn inspirierte: Er stand mit seinem Wagen im Stau und hatte ausreichend Zeit, die Ente vor sich zu betrachten, an deren Steuer ein langhaariges und, wie ihm schien, höchst attraktives Geschöpf saß, das seine Phantasie und Neugier reizte. Endlich setzte sich die Autokolonne in Bewegung, Hans Blum kam links von der Ente zum Stehen, lächelte in den Wagen hinein und – erblickte einen langhaarigen jungen Mann.

Aus diesem kleinen Erlebnis wurde „Im Wagen vor mir“ geboren. Das Lied ist ein Duett und handelt von einem Missverständnis zwischen Mann und Frau: Der Mann fährt auf der Autobahn hinter einem hübschen Mädchen her, das ihn zu süßen Phantasien inspiriert; doch sie, ganz Kind unserer hysterischen Zeit, fühlt sich durch die Verfolgung nur bedroht und verstört, so dass sie vorzeitig von der Autobahn abfährt. Als meine Schwester den Song zum ersten Mal hörte, fragte sie erstaunt: „Nanu? Die kriegen sich gar nicht?“ Nein, sie kriegen sich nicht. Sie kommen nicht mal auf den Gedanken, sich kriegen zu wollen, auch der Mann nicht, denn obwohl er durchaus Interesse an dem Mädchen hat, zeigt er an keiner Stelle die Absicht oder auch nur den Wunsch, sie anzugraben – was übrigens bei der hermetischen Abgeschlossenheit der beiden in ihren Wagen auch schwierig wäre. Das Mädchen – oder vielmehr die Fiktion von dem Mädchen – ist für den Auto fahrenden Mann einfach nur Teil eines heiter-alltäglichen Gute-Laune-Szenarios, zu dem genauso auch der sonnige Tag, die schöne Musik im Radio und das Dahingleiten des Wagens gehören. Nicht immer muss es um Liebe gehen in der bunten Wunderwelt des Schlagers. Der „Zigeunerjunge“ hat die kleine Alexandra schließlich auch nicht „gekriegt“ – er hat sie nicht einmal bemerkt.

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Henry Valentino / Daffi Cramer: Im Wagen vor mir (1977) 

Das Missverständnis um die beiden hintereinander fahrenden Wagen bietet natürlich ein weites Feld für Nachahmer und Parodisten. Auf Youtube kann man sich wohl ein Dutzend dieser Parodien anhören, und wenn sie auch nicht immer hoch niveauvoll sind, so belegen sie doch die enorme Anziehungskraft, die diese ebenso alltägliche wie treffsichere Konstellation auf Nachahmer aller Couleurs ausübt. Wer immer auf der Straße hinter einem interessanten Auto herfährt, wird wohl unweigerlich an dieses Lied denken müssen.

Doch ungeachtet der Popularität des Titels – er wurde vor einigen Jahren unter die „größten deutschen Schlager“ aufgenommen – ist Hans Blum alias Henry Valentino auch als Sänger niemals aus dem Schatten seiner Lieder herausgetreten. Jeder kann das Lied mitträllern, doch die Frage nach dem Sänger kann von den meisten ebenso wenig beantwortet werden wie diejenige nach dem Komponisten. Hans Blum bleibt weiterhin der Künstler, den man über seinem Werk vergisst, der Mann im Schatten seiner Ohrwürmer. Doch wie heißt es so schön bei Schiller: „Wenn wir ihn über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Maler am feinsten gelobt.“ In diesem Sinne – allerhöchstes Lob für Hans Blum!