Das Pampa-Prinzip - wenn Billigreisen teuer werden

Veröffentlicht: Samstag, 06. Februar 2016 Geschrieben von Tanja Stern
Zur touristischen Saure-Gurken-Zeit im Winter locken Billiganbieter mit erfreulichen Tiefpreisen; doch wer hier anbeißt, kann übel draufzahlen. Ein Bericht von einer Busrundreise durch Marokko.

 

Eine Rundreise durch Marokko für nur 179 Euro! Und was für eine: Der Prospekt verspricht Flüge mit einer „renommierten Fluggesellschaft“, Unterbringung in „ausgewählten 4-Sterne-Hotels“ inklusive „reichhaltiges Frühstücksbuffet“, dazu die gesamte Fahrt mit „fachausgebildeter, Deutsch sprechender Reiseleitung“. Na, wenn das kein Schnäppchen ist! Auf nach Marokko!

Es muss uns nicht stören, dass die 179 Euro nur einen Basis- und Lockpreis für die unattraktivste Reisezeit bilden – zum Frühjahr hin werden Aufschläge von mehr als 100 % verlangt –, wir wollen tatsächlich im Januar verreisen. Der Saure-Gurken-Termin ist fraglos einer der Gründe für den günstigen Reisepreis: Üblicherweise sind Dezember und Januar Marokkos Winter mit starken Regenfällen und einem permanenten schneidenden Wind.

Sightseeing in Marokko: hier die Ruinen von Volubilis mit StorchennestSightseeing in Marokko: hier die Ruinen von Volubilis mit Storchennest

In diesem Punkt allerdings verhilft uns die Natur zu einem unverhofften Schnäppchen: Während der gesamten Woche herrscht optimales Rundreisewetter mit Sonnenschein und milden Temperaturen um die 25 Grad. Mit Genugtuung vernehmen wir, dass schon im späten Frühjahr, also zur sogenannten attraktiven Reisezeit, die lokalen Temperaturen nicht selten 45 bis 48 Grad erreichen. Dann dürfte eine Busrundreise durch Marokko eine schwer erträgliche Folter sein.

  • Weiterlesen: Preiserhöhungen durch Zusatzpakete

    Eine weitere Stellschraube für die Preise ist die Verteilung von diversen Aufschlägen – etwa für Einzelzimmer oder Flughafengebühren – sowie das Operieren mit Zusatzpaketen: Gleich in der Reiseankündigung wird uns ein Zusatzpaket angeboten, das „Kultur- & Genusspaket“, das optional hinzugebucht werden kann: Für 139 Euro verspricht man uns sieben mal Abendessen und die Eintrittsgelder zu allen besuchten Sehenswürdigkeiten. Na schön, in Anbetracht des niedrigen Basispreises nehmen wir auch noch das Zusatzpaket. Damit sind wir bei 318 Euro, mit dem Flughafenzuschlag, der sich in Berlin-Schönefeld auf 80 Euro beläuft, bei 398 Euro. Immer noch ein Schnäppchenpreis, wie wir finden. Und wir sind nicht die Einzigen, die so denken. Der Flieger ist bis zum letzten Platz besetzt.

    In den zugesandten Reiseunterlagen wird ein zweites Zusatzpaket erwähnt, das erst direkt vor Ort zu erwerben ist: Das „Entdeckerpaket“ soll nochmals 129 Euro kosten. Dafür wird während der Reisewoche ein Mittagsbüffet in Aussicht gestellt, dazu noch bestimmte Zusatzleistungen wie etwa eine „Lichterfahrt“ durch Casablanca oder ein Ausflug nach Essaouira. Wir hatten das Angebot ignoriert, aber gleich auf der ersten Busfahrt vom Flughafen Marrakesch zur Innenstadt bringt der Reiseleiter ungesäumt die Rede auf das zweite Zusatzpaket, preist in den höchsten Tönen dessen Vorzüge an und erklärt unverblümt, er gehe davon aus, dass alle Anwesenden dieses Paket erwerben, damit die Gruppe überall zusammenbleiben kann. Fast die gesamte Reisegruppe bucht daraufhin auch das „Entdeckerpaket“.

    Stimme aus dem Reisebus: Ich war die Einzige in unserem Bus, die das Mittagessen-Paket nicht wollte. Und ich dachte, was wird aus mir, wenn ich ganz allein ohne die Gruppe bin? Also habe ich es dann doch noch gebucht.

    Der Gruppendruck spielt auf Reisen wie dieser eine äußerst wichtige Rolle. Das Angebot wendet sich gezielt an Menschen, die nicht genügend Mut und nicht genügend Initiative aufbringen, um ein wildfremdes Land wie Marokko auf eigene Faust zu erkunden. Die völlige Sprach- und Ortsunkenntnis, in die man sich geworfen sieht, die exotisch-undurchdringlichen Sitten, dazu auch das Wissen um die jüngsten terroristischen Anschläge – unsere Reise findet eine gute Woche nach dem Attentat von Istanbul statt –, das alles wirkt beängstigend und erweckt Sehnsucht nach Gruppenschutz. Das ist es, was sich die Veranstalter wünschen: eine Gruppe, deren Konsum und Verhalten sich unbeschränkt kontrollieren lässt. Ausscheren ist möglich, aber im höchsten Grade unerwünscht. Als wir das „Entdeckerpaket“ ablehnen, schaut uns der Reiseleiter an wie Asoziale und kann nur mühsam seinen Zorn bezwingen. Bald erfahren wir, welche praktischen Nachteile wir uns mit unserer Verweigerung eingehandelt haben.

    Stimme aus dem Reisebus: Das weiß man doch, wie das abläuft, wenn man sich auf so eine Pauschalreise einlässt. Die fahren einen zum Mittagessen voll in die Pampa, wo man keine Chance hat, sich allein was anderes zu essen zu besorgen.

  • Weiterlesen: Unterbringung in der Pampa

    Das Pampa-Prinzip gehört zu den Eckpfeilern, auf denen Billigreisen beruhen. Wenn in der Reisebeschreibung eine „Übernachtung im Raum Marrakesch“ oder „Übernachtung im Raum Fes“ deklariert wird, so heißt das im Klartext: nicht in der Stadt selbst, sondern ganz weit außerhalb. Weit weg vom Zentrum, von freien Restaurants, von der Möglichkeit, allein etwas zu unternehmen. Marokko bietet für diese Art Tourismus optimale Bedingungen: Hier wurden außerhalb der großen Touristenstädte wahllos Wohlstandsoasen errichtet, Ressorts, Clubs und Hotelanlagen, deren Betrieb sich, wenn überhaupt, nur in touristischen Spitzenzeiten rechnen kann. In solchen Anlagen nimmt man bereitwillig und dankbar die Touristengruppen aus den Billigbussen auf, nimmt offenbar auch erhebliche Abstriche bei den Einnahmen in Kauf, denn andernfalls droht dort der völlige Leerstand. Besser Billigtouristen als gar keine, lautet offenbar die Devise. Es trifft zu, dass unsere Unterbringung während der Reise in komfortablen Hotels erfolgte; doch die meisten lagen so tief in der Pampa, dass eine Entfernung aus dem Nobelghetto mit erheblichen Schwierigkeiten und Zusatzkosten verbunden war.

    Einmal versuchten wir, in dem Restaurant, wo unsere Gruppe zu Mittag aß, eine Einzelbestellung aufzugeben – erfolglos. Man bediente uns nur mit Getränken, nicht mit Essen; vielleicht lag eine entsprechende Anweisung vor. Ein andermal wollten wir im Zentrum von Marrakesch ein Taxi zu unserem Hotel nehmen, doch der Fahrer winkte bedauernd ab, als wir ihm den Namen der Anlage nannten: Dorthin dürfe er nicht fahren, dorthin dürfe nur ein „grand taxi“. Nanu, was hatte denn das zu bedeuten? Wir fragten einen zweiten, einen dritten Taxifahrer, aber alle lehnten die Fuhre ab, und immer wieder fiel das Wort „grand taxi“. Nach und nach erschloss sich uns der Sachverhalt: Ein normales Taxi – „petit taxi“ – durfte Fahrgäste nur innerhalb des Distriktes Marrakesch befördern; doch unser Hotel lag so weit außerhalb, dass dorthin nur Wagen fahren durften, die als „grand taxi“, also als Überlandtaxi polizeilich zugelassen waren. Mit viel Glück fanden wir schließlich einen Kleinbus, der uns zum Hotel beförderte. An diesem Tag verfluchten wir das Pampa-Prinzip, das uns in solche Abhängigkeiten brachte.

  • Weiterlesen: Gemischte Bilanz

    Trotzdem war es am Ende gar nicht so einfach, die Vor- und Nachteile der Reise einzuschätzen. Auf der einen Seite war der Drang zum Sparen allenthalben unübersehbar. Das zeigte sich bereits auf dem Hinflug: Die „renommierte Fluggesellschaft“, die uns nach Marokko beförderte, verfügte über die engsten Stuhlreihen, die ich je auf einem Flug erlebte – halbwegs groß gewachsene Männer konnten nur mit angewinkelten Beinen sitzen – und verköstigte uns während des Vierstundenfluges mit einem Getränk und einer Rolle Keks. Interessant war auch die Abflugzeit, die uns nach langem Ausweichen erst in letzter Sekunde jenseits aller Rücktrittsmöglichkeiten bekannt gegeben wurde: 3.35 Uhr – da half uns kein Gott und kein Nachtflugverbot. Als wir morgens zerknüllt in Marrakesch ankamen, konnten wir noch nicht mal das Hotel beziehen, da es erst ab Mittag für uns frei war. Stattdessen wurde uns ein Frühstück offeriert, natürlich kostenpflichtig, denn es fiel ja nicht in die Reisekalkulation.

    Auch das „Kultur- & Genusspaket“ erwies sich als Fake: Es sollte neben den sieben Abendessen „alle Eintrittsgelder und Führungen für die Sehenswürdigkeiten lt. Programm“ enthalten. Tatsächlich aber waren diese Sehenswürdigkeiten ohnehin gratis zu besichtigen, so dass sich das Paket auf sieben Abendessen a 20 Euro reduzierte, was nun bestimmt kein Schnäppchen war. Selbst das „Entdeckerpaket“ zum Mittagessen, das wir so standhaft abgelehnt hatten, bot dagegen ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

    Andererseits waren Unterbringung und Verpflegung durchweg ordentlich; eines der Hotels überraschte uns sogar mit einem ganz vorzüglichen Abendbüffet. Anscheinend hängt da vieles schlicht vom Zufall ab. Auch mit der Reiseleitung kann man Glück oder Pech haben. Es gibt pro Bus einen festen Reiseleiter, der die gesamte Reise zu organisieren und zu kommentieren hat; dazu kommen verschiedene lokale Führer in den jeweils besuchten Städten. Keiner von ihnen hatte Studiosus-Niveau, und einige schienen den erwarteten „Bakschisch“ fester im Blick zu haben als alles andere; aber bisweilen bekam man doch eine recht interessante Führung geboten.

  • Weiterlesen: Kaffeefahrt-Veranstaltungen als Geldbringer

    Was jedoch wirklich Geld nach Marokko bringt und die Billigreisen zum Bombengeschäft für mehr als eine Firma macht, ist natürlich der Kaffeefahrt-Effekt. „In einer traditionellen Knüpferei erleben wir das faszinierende, jahrhundertealte Kunsthandwerk der Teppichherstellung, welches Sie begeistern wird“, steht in der Reisebeschreibung zu lesen; und an anderer Stelle heißt es: „Die große Handwerkstradition von Marokko führt uns anschließend in eine Schmuck- und in eine Ledermanufaktur. Neben Informationen über die manuelle Herstellung bekommen Sie auch Gelegenheit, ein persönliches Urlaubs-Souvenir zu erwerben.“ In diesen treuherzigen Sätzen steckt der Kern und Endzweck der Reise, der wahre Grund für ihren niedrigen Preis.

    Gern würde ich schreiben, dass ich diese Kaffeefahrt-Veranstaltungen nur notgedrungen und aus vornehmer Distanz über mich ergehen ließ. Tatsächlich habe ich sie als sehr spannenden und kurzweiligen Teil der Reise erlebt – nicht nur, weil man dabei tatsächlich etwas über marokkanisches Kunsthandwerk lernen kann. Vor allem kann man etwas lernen über die Kunst, Waren zu präsentieren und Kaufreize auszulösen. Ich hatte Ähnliches vor Jahren einmal in der Türkei erlebt; doch dort vermochten trotz exzellenter Präsentation die altmodisch-langweiligen Perserteppiche kaum jemanden ernstlich in Versuchung zu führen. Die Teppiche in Marokko dagegen boten eine erstaunliche Vielfalt, die jeden Geschmack bedienen konnte: Berberteppiche, Seidenteppiche, Therapieteppiche, Kelims, in allen Farben, Größen und Formen, gewebt und geknüpft, traditionell und modern, farbenprächtig und dezent – es war eine Freude, sie anzusehen, und es war eine Freude, den Knüpferinnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen.

    Man stellte uns die Frauenkooperative vor, in der die schönen Arbeiten produziert wurden – ein in Marokko offenbar vielfach verbreitetes Modell, zumindest wenn man den Aussagen gegenüber uns Touristen glauben darf – und führte wortreich aus, dass diese Kooperativen den Frauen die Möglichkeit erschlössen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich aus familiärer Abhängigkeit und Unterdrückung zu befreien. Anscheinend hatte man die Erfahrung gemacht, dass dieser quasi soziale Aspekt, dessen Wahrheitsgehalt schwer nachprüfbar ist, die Kaufbereitschaft speziell der weiblichen Touristen in erheblichem Maße fördert. Ich bin nicht sicher, ob das auch bei hässlichen Teppichen funktioniert; doch angesichts der Attraktivität der Ware wurde der Appell an das deutsche Helfersyndrom zum vollen Erfolg.

    Marokkos glänzende WarenweltMarokkos glänzende Warenwelt

    Noch verlockender als die Teppiche waren die Lederjacken, die man uns im Rahmen einer Modenschau vorführte: hochwertig verarbeitet aus seidenweichem Leder, flott geschnitten und mit einfallsreichen Accessoires. Dazu kam auch hier eine kluge und routinierte Präsentation, geschult an Dutzenden von Reisegruppen, die tagtäglich hier durchgeschleust wurden. Die Verkäufer, allesamt gut deutschsprachig, nahmen gezielt die Umschau haltenden Paare oder Freundesgruppen aufs Korn und hakten sich geschickt in die Konversation ein, sobald sie ein konkretes Interesse bemerkten. Wo ein allzu hoher Preis die Kauflust hemmte, ließ man sich augenzwinkernd herunterhandeln, bis der Kunde in dem Wahn schwebte, das Superschnäppchen seines Lebens zu machen. („Aber psst! Dieser Preis ist nur für dich! Die anderen müssen das nicht wissen!“) Welch ein Unterschied zum Shopping in den Souks, wo die verzweifelte Aufdringlichkeit der Händler jede Freude am Schlendern und Schauen verdarb.

    Kein Wunder, dass die Reisegruppe kräftig zuschlug. Es gab Leute, die in allen drei Veranstaltungen dem geweckten Kaufreiz erlagen und mit Teppich, Ring und Jacke nach Hause fuhren Nicht selten gingen vierstellige Summen für einen Teppich oder eine Goldkette über den Ladentisch. Als wir nach der Ledermodenschau den Bus bestiegen, trug etwa die Hälfte der Reiseteilnehmer gut gefüllte Plastetüten. Meine eigene Schwester, an sich eine entschiedene Kaffeefahrt-Skeptikerin, blätterte mehrere Hundert Euro für eine elegante Lederjacke hin, und ich wäre ihrem Beispiel hoffnungslos gefolgt, wenn mir das nicht mein Kontostand leider auf das Strengste verboten hätte.

    Stimme aus dem Reisebus: Ja, ich habe auch einen Teppich gekauft. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das alles… Schon das Geld für diese Reise hab ich mir von meiner Tochter borgen müssen. Aber ich sage mir, ich unterstütze Marokko!

    Wer arm ist, sollte sich vor Billigreisen hüten. Sie sind gefährlich – sie können teurer werden also so manche Kreuzfahrt. Es ist löblich, Marokko zu unterstützen; doch für die Marokkaner sind wir alle ohne Unterschied die reichen Goldesel, und am Ende unserer freundlichen Gefühle für das Land stehen höchst nüchterne Kaufverträge, juristisch wasserdicht und später kaum anfechtbar. Für 179 Euro hat man uns die Einreise ins Land gewährt; doch die meisten von uns reisen nicht wieder aus, ohne einen Zoll entrichtet zu haben, der um ein Vielfaches höher liegt.