Barcelona - Welthauptstadt der Diebe

Veröffentlicht: Donnerstag, 31. Oktober 2013 Geschrieben von Tanja Stern
Barcelona ist eine attraktive Stadt, die alljährlich Millionen von Touristen anzieht. Doch attraktiv ist sie folglich auch für Trick- und Taschendiebe aller Couleur: Nirgendwo auf der Welt wird so viel geklaut und gezogen wie hier.

 

Am Flughafen Barcelona wollte ich das Geld für ein Taxi sparen und schlug vor, mit Bus und Metro zum Hotel zu fahren. Es wurde die teuerste Fahrt meines Lebens: Im Hotel angekommen, stellte ich fest, dass meine Geldbörse verschwunden war. Sie enthielt nicht nur mein gesamtes Reisegeld, sondern auch im Ausland lebenswichtige Dokumente wie Ausweis, Führerschein, Kreditkarte und Versicherungsbeleg. Damit war der Urlaub gelaufen. Statt entspannter Stadterkundungen gab es jetzt nur noch Laufereien, hektische Anrufe zur Kontensperrung und das Bemühen, die wenigen verbliebenen Geldmittel zu rationieren - ganz zu schweigen von dem nagenden Ärger und der Depression, die ein solcher Vorfall notwendigerweise mit sich bringt.

Ich weiß nicht, wann und wie der Diebstahl passiert ist, doch ich würde auf die Plaça Catalunya tippen, die große Metrostation im Herzen der Stadt. Hier haben sie einen ihrer Lieblingsstandorte: Taschendiebe, Heerscharen von Taschendieben, zu gut organisierten Banden vereint und unermüdlich auf der Jagd nach Touristen.

Barcelona wurde kürzlich von einem amerikanischen Reiseportal zur „Welthauptstadt der Diebe“ gekürt. Das bedeutet nicht, dass die Touristen brutale Überfälle fürchten müssen; Straßenraub und offene Gewalt sind eher selten anzutreffen. Aber nirgends auf der Welt wird Trick- und Taschendiebstahl so routiniert und systematisch betrieben wie in Barcelona. Schier unendlich variabel sind die Maschen der Diebe: Die Palette reicht vom guten alten Stolper-Trick, bei dem man mit dem Arm versehentlich an der Tasche des Touristen landet, bis zu aufwändig inszenierten Ablenkungsmanövern, an denen mehrere, gut aufeinander eingespielte Bandenmitglieder beteiligt sind.

Tolle Stadt, aber voll von Taschendieben: Ausblick auf BarcelonaTolle Stadt, aber voll von Taschendieben: Ausblick auf Barcelona

Wie erklärt sich Barcelonas traurige Spitzenstellung bei den Diebstahlsdelikten? Wahrscheinlich einfach durch die Attraktivität der Stadt, denn Faktoren wie Krise oder Arbeitslosigkeit bilden zwar den Humus, auf dem Kriminalität gedeiht, aber schaffen noch nicht die Gelegenheit dafür. Barcelona ist ein Touristenmagnet. Täglich kommen Menschen aus aller Welt, um die historischen Bauten, die bunt belebten Ramblas oder die Kunstszene in der Altstadt zu sehen. Allein die Sagrada Familia zieht jährlich mehr als 2 Millionen Besucher an. Dazu kommt die günstige Lage am Mittelmeer: Hier starten oder landen fast täglich große Kreuzfahrtschiffe mit gut betuchten Touristen an Bord. Es gibt in Spanien keinen zweiten Ort, wo ein Taschendieb so leicht Beute macht (obwohl Madrid auch ziemlich weit oben auf der Weltrekordliste der Diebstähle steht).

Und die Polizei? Die tut zwar ihr Bestes, um die Touristen vor Diebstählen zu schützen – etwa durch erhöhte Präsenz auf den besonders gefährlichen Straßen und Plätzen –, doch ermittelt wird im Fall des Falles nicht, selbst wenn es Anhaltspunkte gibt. Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt, denn die Zahl der bestohlenen Touristen ist Legion. Als ich nach dem Diebstahl meiner Geldbörse zur Polizei lief und aufgeregt meldete, was geschehen war, sagte hinter mir eine dumpfe Stimme auf Deutsch: „Da sind Sie nicht die Einzige.“ Dem Mann, zu dem ich mich umdrehte, war bis ins Detail das Gleiche passiert. Es heißt, dass auf den Polizeiwachen manchmal ein solcher Andrang von Touristen herrscht, dass sie stundenlange Wartezeiten auf sich nehmen müssen. Viele zeigen den Diebstahl deshalb gar nicht erst an. In meinem Fall jedoch war auch der Ausweis weg, und so brauchte ich ein amtliches Dokument für die Heimreise. Als es soweit war, trat ich mit der Polizeianzeige in der Hand an den Flughafenschalter und setzte zu einer wortreichen Erklärung an, überzeugt, dass man mich ohne Ausweis nicht passieren lassen würde. Doch der Schalterbeamte warf nur einen flüchtigen Blick auf das Dokument und winkte mich dann lethargisch durch. Er hatte dergleichen wohl schon oft gesehen.