Kleine App mit großen Folgen - Buchdeals.de macht ebook-Werbung

Veröffentlicht: Dienstag, 01. März 2016 Geschrieben von Tanja Stern
Eher zufällig stieß ich beim Surfen auf das junge Unternehmen buchdeals.de, das ebook-Werbung für Autoren anbietet. Ich habe das Portal getestet und mit dem Betreiber gesprochen. Dieser Bericht ist der Auftakt einer kleinen Reihe zum Thema ebooks, das für Autoren immer mehr an Bedeutung gewinnt.

 

Ebooks gewinnen zunehmend Leser und mischen den hergebrachten Buchmarkt auf. Was zunächst als rein technischer Akt erscheint, der Umstieg von den guten alten Druckausgaben auf das digitale Medium, verändert unser Kauf- und Leseverhalten und schafft sich eigene Gesetze, in der Preisbildung, im Marketing, in der Werbung.

Vor allem Amazon-Kindle hat in den letzten Jahren neue Maßstäbe für den Buchhandel gesetzt. Die Plattform ist marktführend, zumindest in Deutschland; auch ich biete, nach fruchtlosem Experimentieren mit diversen anderen Portalen, meine ebook-Ausgaben nur noch dort an. Bei KDP (Kindle Direct Publishing) kann man seine Titel im Rahmen des KDP Select anbieten, was einerseits den Verkauf befördert – na ja, zumindest theoretisch –, andererseits aber an die Bedingung der Exklusivität geknüpft ist: Ein Buch, das bei KDP Select geführt wird, darf nirgendwo anders angeboten werden, nicht einmal auf der eigenen Homepage. Ich konnte die Einschränkung leicht verschmerzen; von jeher wurden mehr als 90 % meiner ohnehin spärlichen Bucheinnahmen über Amazon bzw. KDP gewonnen.

  • Weiterlesen: Gratiswerbung - Wahnsinn mit Methode

    KDP hat für die Vermarktung von ebooks ein ausgeklügeltes System geschaffen. Ich brauchte Jahre, um wenigstens die Anfangsgründe zu durchschauen, und bis heute sind mir längst nicht alle Regeln und Mechanismen dieses komplizierten Apparates geläufig. Doch nicht darum geht es in diesem Aufsatz – das Netz ist voll von Tutorials und Analysen, die Autoren das Vermarkten von ebooks erleichtern sollen. Mein Thema hier ist ausschließlich die ebook-Werbung, genauer gesagt: die Gratiswerbung. Zwar bietet KDP eine ganze Reihe von Werbemöglichkeiten an, doch keine wird so häufig genutzt wie die Möglichkeit, das eigene ebook für fünf Tage pro Quartal gratis anzubieten.

    Als ich erstmals von dieser Möglichkeit hörte, erschien sie mir vollständig abstrus. Sie widersprach nicht nur den Regeln des herkömmlichen Buchhandels, sondern auch allem, was ich sonst über Marketing wusste. Wie denn – ich soll meine ebooks verschenken? Warum soll ich so etwas Dummes, so etwas Geschäftschädigendes tun? Wer würde noch Geld für ein Buch ausgeben, wenn es geschenkt zu haben war? Ich will ja gern den Preis reduzieren, um einen Kaufanreiz zu schaffen, das ist ein übliches und einleuchtendes Konzept; aber für lau gebe ich mein kostbares Werk nicht her!

    Doch als ich in einer ersten schüchternen Werbeaktion meine Titel mit erheblichem Preisnachlass anbot, musste ich feststellen, dass die Bücher einer weitgehend unbekannten Autorin bei reduziertem Preis auch nicht viel mehr Beachtung finden als zum Normaltarif. Der Buchmarkt ist nun mal übersättigt und wird tagtäglich mit Tausenden neuer Titel überschwemmt. Also doch Gratisaktion? Ich las die Erfolgsberichte von Autoren, die die KDP-Gratiswerbung getestet und ihre Titel damit angeblich himmelhoch gepusht hatten. Doch auch unabhängig vom finanziellen Aspekt schien mir bei näherem Durchdenken das Prinzip der Gratiswerbung gar nicht mehr so abwegig zu sein. Schließlich verkaufte ich keine Staubsauger, für die ich den Maximalprofit herausschlagen wollte. Ich verkaufte meine eigenen Bücher, und ich wollte, dass möglichst viele Leute sie lasen, nicht weil sie Geld dafür bezahlten – das war allenfalls ein angenehmer Nebeneffekt –, sondern weil ich meine Gedanken, meine Weltsicht mit ihnen teilen wollte – ach, warum sage ich es nicht rundheraus: weil sie mich verstehen und bewundern sollten. „Ruhm will ich davon haben, nicht Brot“, sagte einst der junge Georg Büchner in Bezug auf seine Stücke gesagt haben. Und so denkt jeder rechte Autor, auch wenn es heutzutage nicht mehr um Ruhm im Sinne Büchners geht, sondern eher um „Clicks“ oder „Likes“.

    Also Gratisaktion! Doch mit dem Entschluss allein war noch nicht viel gewonnen. Man verdient nicht nur nichts an den verschenkten Büchern, man muss auch noch Geld ausgeben, um an möglichst vielen Menschen nichts verdienen zu können. Eine Werbeaktion macht nur Sinn, wenn die potenzielle Kundschaft davon erfährt. Also muss man die Gratistage annoncieren, und dafür haben sich seit Jahr und Tag spezielle Internetportale etabliert. In den Staaten schießen sie wie Pilze aus dem Boden, und wenn auch etliche von ihnen alsbald sang- und klanglos wieder eingehen, so blüht doch mittlerweile ein richtiger kleiner Industriezweig rund um die ebook-Werbung – allerdings mit dem Nebeneffekt einer hoffnungslosen Übersättigung des Publikums. Hier hat der Leser eine derart große Auswahl an gratis angebotenen Büchern, dass selbst diese drastische Form der Werbung langfristig ins Leere zu laufen droht.

    So weit sind wir in Deutschland noch lange nicht. Hier gibt es Werbeanbieter für ebooks vorerst nur in sehr überschaubarer Zahl. Meine erste Wahl war buchdeals.de, ein Portal, auf das ich einst beim Surfen zufällig gestoßen war. Ich hatte dort den Newsletter abonniert, in dem täglich herabgesetzte oder kostenlose ebooks angezeigt werden; und aus der Tatsache, dass ich diesen Newsletter selbst mit Interesse las und auch bisweilen eines der angezeigten Bücher für mich herunterlud, schloss ich, dass diese Art Werbung auch für meine eigenen Titel funktionieren könnte.

    Ich täuschte mich nicht. Die Clickzahlen, die ich mit meinen Werbeaktionen erreichte, waren zwar bei Weitem nicht so beeindruckend wie die der ebook-Erfolgsautoren, deren Aufstieg man im Netz verfolgen kann, doch in Anbetracht meiner thematisch relativ abseitigen Angebote und meiner Abstinenz von sozialen Netzwerken schon erstaunlich hoch. Ich habe später auch noch andere Werbeportale ausprobiert, doch bei keinem kam ich auch nur annähernd auf solche Downloadzahlen wie bei den Buchdeals, auch nicht bei dem ambitionierten und hochgelobten Portal xtme.de (Link), das als Platzhirsch der Branche gilt und auf das ich größte Hoffnungen gesetzt hatte.

    Ich wollte wissen, was den Erfolg der Buchdeals ausmacht, und unterhielt mich mit dem Betreiber.

  • Weiterlesen: Kleine App mit großen Folgen

    Buchdeals wirkt wie ein professionelles Portal, wird tatsächlich aber nebenberuflich von einem jungen Ehepaar geführt. Alex und Huyen haben in ihren Jobs mit Literatur nichts zu tun, aber beide lesen gern, und aus diesem privaten Interesse heraus wird die Idee zu den Buchdeals geboren: Man will lesenswerte Bücher bekannt machen und besonders Indie-Autoren helfen, ihre Titel zu bewerben.

    Nicht der Betrieb einer Website steht am Anfang, sondern die Entwicklung einer App: Inspiriert von der „App des Tages“, in der täglich eine interessante Gratis-Software vorgestellt wird, kreiert Alex die App „Buch des Tages“ mit täglich jeweils einem Hinweis auf ein aktuelles Gratis-ebook und dem entsprechenden Direktlink zum Download. Die Anfangsphase des Projektes ist sehr stressig und zeitaufwändig: Da kein Mensch das Angebot kennt, müssen Alex und Huyen ihre Klientel selbst rekrutieren. Tagtäglich schauen sie sich auf den ebook-Portalen die Gratisangebote an und suchen Titel heraus, die als „Buch des Tages“ für ihre App in Frage kommen. Die Buchautoren wissen erst mal nichts von ihrem Glück, werden aber anderntags per Mail informiert und merken schnell, dass ihre Titel im Ranking steigen, nachdem sie für die App ausgewählt worden sind. Auch bei den Nutzern gewinnt die App rasch an Beliebtheit; dank einer geschickten und vielschichtigen Werbung, die vom Facebook-Sharing bis zur In-App-Promotion kunterbunt alle möglichen Kanäle ausreizt, zählt sie schon nach wenigen Monaten zu den bestgenutzten Apps in den Büchercharts. Und jeder Nutzer der App wird mit seiner Mailadresse auch für den Buchdeals-Newsletter erfasst, der täglich an eine wachsende Zahl von Abonnenten verschickt wird und dafür sorgt, dass die Buchdeals bei keinem Nutzer in Vergessenheit geraten.

    Die Website „buchdeals.de“ wird erst später entwickelt, und zwar unverkennbar nach dem Vorbild der „Bookbubs“, eines in den Staaten überaus erfolgreichen ebook-Portals. Es ist dieses Trio App – Newsletter – Homepage, das den Erfolg der Buchdeals ausmacht, wobei jedoch nach wie vor die App am stärksten ins Gewicht fällt. Über sie werden bei Weitem die höchsten Clickzahlen eingefahren, und das ist, soweit ich sehen kann, bisher einzigartig in der jungen ebook-Branche.

    Alex betont, dass von Anfang an bestimmte Qualitätskriterien bei der Auswahl der Titel eine Rolle spielten: seriöser Inhalt, ein vorgegebener Mindestumfang, professionelle Covergestaltung oder natürlich gute Bewertungen. Trotzdem unterscheiden sich die Buchdeals – wie übrigens auch alle anderen ebook-Werbeportale in Deutschland – in diesem Punkt grundlegend von den vergleichbaren Portalen in den USA. Dort spielen die Bewertungen, „reviews“, eine alles entscheidende Rolle. Meist wird eine strikt festgesetzte Anzahl von Bewertungen zur Voraussetzung für die Aufnahme eines Titels in die Werbung gemacht. Ohne Bewertungen keine Werbung, und ohne Werbung keine Chance, je bewertet zu werden – das ist der Teufelskreis, vor dem die englischsprachigen Autoren stehen. In Deutschland wird das (noch) weitaus lockerer gesehen, wenn das Diktat der Bewertungen auch hierzulande spürbar auf dem Vormarsch ist.

  • Alles auf Anfang

    Doch Qualität hin, Bewertungen her, um die Kundenwerbung brauchen sich Alex und Huyen inzwischen keine Sorgen mehr zu machen. Jetzt kommen die Autoren von allein auf sie zu. Immer mehr von ihnen sind bereit, relativ viel Geld zu bezahlen, um als „Buch des Tages“ vorgestellt zu werden, und immer mehr Leser lassen sich gern darüber informieren. Die Buchdeals beginnen, profitabel zu werden; jetzt kann man sich sogar schon eine Hilfskraft leisten, die die täglich anfallenden Routinearbeiten erledigt.

    Trotzdem haben weder Alex noch Huyen die Absicht, die Buchdeals zum Fulltimejob zu erheben, denn beide fühlen sich in ihren Hauptberufen sehr wohl. Die Buchdeals sind und bleiben für sie ein interessanter Nebenschauplatz. Die Arbeit daran hat ja auch nicht zugenommen, im Gegenteil: Die Zeit des Suchens und Werbens ist vorbei; das Projekt ist zum Selbstläufer geworden. Natürlich würde Alex die Buchdeals gern noch weiter wachsen sehen, aber damit will er sich Zeit lassen, nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus unternehmenstaktischen Gründen: Diese ganze Branche wirkt momentan noch allzu verworren, allzu ambivalent, und niemand weiß, wohin die Reise geht. Da ist Vorsicht geboten bei einem weitergehenden Engagement.

    Gedacht ist zunächst allenfalls an inhaltliche und technische Erweiterungen des Angebots. Zurzeit wird die Homepage komplett umgebaut: In Zukunft soll es dort ein Formular geben, mit dem die Autoren die gewünschte Werbung selbst eintragen und kaufen können. Außerdem wird ein Autorenblog ins Leben gerufen. Der wichtigste Erweiterungsplan jedoch betrifft die Buch-des-Tages-App: Sie soll demnächst in englischer Version auf dem britischen Buchmarkt angeboten werden. Auf dieses Experiment bin ich besonders gespannt, denn wenn es glückt, könnte es der Durchbruch in die unendlichen Weiten des englischsprachigen Buchmarktes und damit in eine völlig neue Dimension sein.

    Es steht also wieder alles auf Anfang: Kaum etabliert, befinden sich die Buchdeals abermals, genau wie zu ihrer Entstehungszeit, in einer Phase der Neulandgewinnung, von der kein Mensch weiß, wohin sie führt. Das Portal könnte in wenigen Jahren zu den großen und angesagten Marken der ebook-Branche zählen – oder vom Markt verschwunden sein. Alex und Huyen wären nicht die einzigen Portalbetreiber, die hoffnungsfroh mit guten Ideen beginnen, um dann im Alltagskampf das Handtuch zu werfen. Doch scheitern im hergebrachten Sinne werden sie auf keinem Fall – dafür bürgt allein schon ihr Hobby-Konzept, das die eigenen Ambitionen leicht nimmt, und dafür bürgt auch die skeptische Vorsicht, mit der Alex die Entwicklungen auf dem ebook-Markt verfolgt. Ich halte das Portal für sehr vielversprechend: Erfolg stellt sich meist gerade bei denen ein, die nicht verbissen danach strampeln.

    Nachtrag: Das Buchdeals-Portal wurde mittlerweile verkauft und ab November 2016 von der Investo Media Ltd., einem Unternehmen mit Sitz in Malta, übernommen.