Zahnersatztourismus in der Türkei - Angebote zwischen billig und preiswert

Veröffentlicht: Samstag, 22. April 2017 Geschrieben von Klaus W. Busch
Ein neuer Gastautor stellt sich vor: Klaus W. Busch ist Deutscher, lebt jedoch seit vielen Jahren in der Türkei. Seine Biographie könnte Bände füllen: Er ist durch 14 Länder gereist, hat sich in unzähligen Jobs versucht, kennt die da oben und die hier unten. Ganz nebenbei ist er auch ausgebildeter Zahntechniker und als solcher kompetent, über ein Thema zu schreiben, das ich bereits in meinem Beitrag "Zahnarzttourismus und Zahnarztpfusch - ein deutsch-polnischer Rechtsstreit" behandelt habe: den Medizintourismus ins Ausland.

 

Der Medizintourismus in der Türkei boomt nach wie vor. Im Jahr 2016 ließen sich nach Schätzungen etwa zweihunderttausend Menschen aus der Europäischen Union in der Türkei medizinisch behandeln.

Bei den zu erwartenden Kosten in Europa ist das auch kein Wunder. Eine Zahnversorgung in der Türkei ist immerhin um 40 % billiger als in Deutschland – was aber nicht in jedem Fall bedeutet, dass sie auch preiswerter ist.

Durch die Kostenexplosion im Bereich der Zahnmedizin suchen viele Deutsche die Lösung im Ausland. Angeregt durch Beiträge im Internet und durch Angebote der Krankenkassen erwarten sie dort eine Versorgung zu erheblich günstigeren Konditionen. Voller Vertrauen begeben sie sich in die Hände der türkischen Zahnärzte. Doch dabei ist große Vorsicht geboten. Bereits in Deutschland fällt es Zahnpatienten schwer, eine Praxis qualitativ von einer anderen zu unterscheiden – um wie viel schwerer ist das in der Türkei! Aufgrund der großen Distanz ist der einzelne Patient auf die Aussagen von bereits behandelten Menschen angewiesen. Auf die Bewertungen der einzelnen Praxen im Internet ist allerdings kein rechter Verlass. Oftmals sind diese Reputationen von den Webbetreibern geschönt oder sogar frei erfunden.

Auch wenn man sich die einzelnen Praxen ansieht, ist und bleibt der Eindruck subjektiv. Professionell aufgemachte Webseiten von Zahnärzten werben um die Gunst der europäischen Patienten. Fotos belegen die hochmoderne Ausstattung. Sprachkenntnisse des Praxisteams in Deutsch und Englisch sollen den Besuch des Patienten erleichtern, und die hohen Gerätestandards stehen modernen Praxen in Deutschland nicht nach. Auch die Behandlungsmethoden reichen in vielen Fällen an die deutsche Norm heran. In den letzten zehn Jahren ist der Ausbildungsstandard der Studenten an den Universitäten von Istanbul, Ankara oder Konya enorm gestiegen und kann sich mit vielen europäischen Ländern messen.

Doch mit der rasanten technischen Entwicklung der Mikroelektronik können weder Zahnärzte noch Techniker Schritt halten. CAD/CAM-Systeme sind sehr genau und quasi von jedermann zu bedienen. Deshalb fehlt die kostspielige Computertechnik in keinem türkischen Labor. In den Kliniken kann schon eine Hilfskraft zusammen mit dem Patienten am Bildschirm die neuen Dritten konstruieren. Leider fehlt es in den meisten Fällen an wirklich kompetentem Fachwissen. Das oft gehörte Argument: „Die PC-unterstützte Maschine wird’s schon richten“ ist da zu oberflächlich gedacht. Während in Deutschland umfangreiche Ausbildungslehrgänge geboten werden, ist der Kenntnisstand türkischer Zahnfachkräfte eher gering. Das Basisniveau deutscher Techniker wird in der Türkei kaum erreicht. Das medizinische Grundwissen zur Zahntechnik und die zur Herstellung notwendigen Materialkenntnisse sind in der Türkei auch heute noch sehr selten. Laborbesitzer haben in der Regel kein Interesse an einer Weiterbildung ihrer Mitarbeiter.

Deshalb ist nach einer Zahnbehandlung in der Türkei unter Umständen mit erheblichem Korrekturbedarf zu rechnen. Zurückgekehrt aus dem Urlaub, muss der Zahnpatient möglicherweise für teures Geld in deutschen Praxen Nachbesserungen vornehmen lassen, denn eine abermalige Anreise in die Türkei würde den finanziellen Vorteil wieder zunichte machen. Ob eine Garantieleistung von der türkischen Klinik akzeptiert und erbracht wird, ist eine weitere Variable. Dort hat Quantität in der Regel mehr Priorität als Qualität.

Zum Vergleich: In Deutschland stellt ein Zahntechniker im Durchschnitt zehn bis zwölf Porzellankronen pro Tag her, die den Anforderungen einer guten prothetischen Leistung entsprechen. Dazu zählt vor allem ein harmonisches Eingliedern in das Restgebiss, ohne das stomatognathe System zu beeinträchtigen. In den türkischen Laboren ist es keine Seltenheit, dass ein Techniker bis zu siebzig Einheiten pro Tag fertigen muss. Von Ästhetik oder einer individuellen Versorgung kann da keine Rede sein. Die Produktion verkommt zur schnellen Fließbandarbeit. Es gibt Kliniken, die in einer Sommersaison von tausend Kronen und Brückeneinheiten sprechen. Da wird die Zahnklinik zur Massenfabrik – leider.

Aber es gibt sie, die zweite Seite der Medaille. Auch in der Türkei gibt es Zahnärzte, die mit Sonde und Lupe die Kronenränder auf Passung prüfen, Zahntechniker, die Zahnbrücken in Mehrschichttechnik in individualisierter Nuancierung mit viel Ehrgeiz produzieren und Endresultate erzielen, die erst auf den zweiten Blick als Dritte zu erkennen sind. Auch hier gibt es sie, die kleinen Labore, für die der Mensch und sein Leiden im Mittelpunkt stehen. Schade, dass es wie immer so schwer fällt, die Spreu vom Weizen zu trennen, selbst für mich, der vom Fach ist.