Chancenlos auf Rädern
Als Lieferantin für Seniorenessen unterwegs in Berlin

Veröffentlicht: Donnerstag, 12. September 2019 Geschrieben von Tanja Stern

 

Fahrerjobs im eigenen Pkw boomen. Auch ich habe es ausprobiert und war sechs Wochen als Lieferantin für Seniorenessen mit meinem Smart fortwo in Berlin unterwegs. Dabei lernte ich die Licht- und Schattenseiten einer verborgenen Branche kennen.

Wo Neukölln am hässlichsten ist, liegt zwischen Lagerhäusern und Gewerbebetrieben der düstere Hof, in dem die Auslieferung der Firma Apetito ihren Sitz hat. Hier wird jeden Morgen gegen halb zehn das Seniorenessen des Tages an Dutzende von Fahrern verteilt. Sie kommen in ihren eigenen Wagen, eine buntgemischte Autoflotte – vom Smart fortwo bis zum großräumigen Lieferwagen ist alles dabei.

Drinnen in der Großküche werden die auszuliefernden Menüs erhitzt. Die Küchenfrauen packen die heißen Portionen in große Styroporboxen ein, die mit Wärmeplatten ausgestattet sind. Auf den Boxen stehen die Nummern der jeweiligen Touren. Jeder Fahrer hat seine feste Tour; die meisten fahren sie schon seit Jahren. Die jeweils aktuellen Bestellungen können sie den Tageslisten entnehmen, die im Büro für sie bereitliegen; aus ihnen ergeben sich ihre Routen. In Grüppchen schwatzend oder ungeduldig trampelnd warten sie, bis die Wagen mit den Styroporboxen aus der Küche rollen. Dann greift sich jeder die Boxen seiner Tour, lädt sie in den Wagen und braust davon, nach Steglitz, Köpenick oder Mitte. Der gesamte Berliner Raum wird von hier aus mit Seniorenessen beliefert.

Schwieriger Start

Fahrerjobs im eigenen Pkw boomen. Schon lange wollte ich so etwas mal ausprobieren. Vor einiger Zeit hatte ich versucht, mich als Fahrerin bei Amazon zu bewerben, doch das scheiterte an den zahlreichen Auflagen, die damit verbunden waren. Einer Firma wie Amazon sieht der Staat genau auf die Finger. Aber hier in Neukölln bei den Essensfahrern sind Auflagen und Einschränkungen unbekannt; niemand sieht niemandem auf die Finger. Mein neuer Chef – nennen wir ihn Toby – will weder meinen Führerschein noch meinen Punktestand in Flensburg prüfen. Ein einziges knappes Telefonat hat ihm genügt, mich zu engagieren. Sie wollen es probieren? Und wann könnten Sie anfangen? Was, im Juli erst? Warum denn so spät? Schon übermorgen soll es losgehen. Toby scheint dringend Leute zu brauchen.

Ich fahre erst mal nur bei ihm mit, um meine künftige Route kennenzulernen. Dann fährt er selbst noch einige Tage als Beifahrer in meinem Smart, während ich versuche, die Tour zu memorieren. Die Einarbeitung dauert lange. Mein Orientierungssinn war nie der beste – ich bringe Straßen und Kunden durcheinander, studiere minutenlang die Namensschilder, bevor ich den richtigen Klingelknopf finde, und vergesse schon auf dem Weg zur Haustür, in welchem Stockwerk der Kunde wohnt. Es dauert eine volle Woche, bis Toby mich allein auf die Kunden loslassen kann, und selbst dann brauche ich noch tagelang das Navi, um an den richtigen Ecken abzubiegen. Die jüngeren Leute sind natürlich wesentlich schneller von Begriff: Schon nach drei Tagen, behauptet Toby, kann bei entsprechenden Fähigkeiten ein neuer Fahrer eingearbeitet sein. Aber einige brauchen auch bis zu drei Wochen. „Meine Geduld ist da grenzenlos“, sagt Toby, „weil ich weiß, irgendwann kann das jeder.“

Mag sein, aber nicht jeder bleibt bei der Stange. Während der anderthalb Monate, die ich bei der Firma verbrachte, bewarben sich für meine Tour drei neue Fahrer, von denen kein einziger über die Phase der Einarbeitung hinausgelangte. Einer erwies sich als unzuverlässig, ein anderer fand einen besser bezahlte Stelle bei einer anderen Spedition, und eine Frau erklärte nach wenigen Tagen, sie könne den Geruch der alten Leute nicht ertragen. Ich selber zögere und bitte Toby erst mal um einen Probemonat, denn schnell wird mir klar, dass dieser Job nicht ohne Haken und Ösen ist. Man muss schon einiges dafür mitbringen: hinreichend körperliche Kondition, um die vertrackten Treppen in den Berliner Altbauten zu bewältigen. Hinreichend Fahrtüchtigkeit, um sich sicher und mutig durch die Straßen Berlins zu bewegen, wo allein schon die Parkplatzsuche eine gewisse Chuzpe erfordert. Hinreichend Genügsamkeit, um sich mit einem mageren Lohn zu bescheiden. Vor allem aber Verlässlichkeit und einen Nerv für den Inhalt dieser Arbeit.

Die Tour, die ich befahre – Mitte und Kreuzberg – zeigt das ganze breite Spektrum der Klientel, die das Angebot des Seniorenessens wahrnimmt. Da finden sich durchaus „normale“ Senioren – das gut situierte ältere Ehepaar, das nicht mehr so viel Arbeit in der Küche haben will, oder der Witwer, der zu Lebzeiten seiner Frau das Kochen niemals lernen musste. Doch das Gros der Kunden besteht aus Menschen, die dringend darauf angewiesen sind, dass ihnen ein verzehrfertiges Essen direkt ins Haus geliefert wird. Einige sind an den Rollstuhl gefesselt, andere schieben sich ächzend am Rollator zur Tür. Einer liegt seit Wochen fest im Bett; man muss seine Wohnung aufschließen und ihm das Tablett mit dem Essen auf den Bauch stellen. Viele verlassen kaum mehr das Haus. Ihre Gesichter sind bleich und welk, als hätte sie seit Wochen keine Sonne beschienen. Manche Frauen sind abgemagert bis zum Skelett, andere so verkrümmt und zusammengeschnurrt, dass sie wie Zwerginnen erscheinen. Allenfalls im Pflegeheim trifft man Krankheit, Siechtum und Gebrechlichkeit in derart geballter Ladung an. Wer diesen Hilflosen das Essen liefert, übernimmt eine hohe Verantwortung, denn wird es nicht geliefert, müssen sie hungern.

Ich entdecke Gegenden und Wohnformen, von denen ich keine Ahnung hatte. Das edle Kreuzberger Loft inmitten schön restaurierter Höfe am Kanal. Die Seitenwohnung direkt im Patentamt, behaust von einem dementen alten Herrn. Und gleich mehrere unsägliche „Seniorenhäuser“, heruntergekommene Hochaussilos, in denen die Alten hinter endlosen Gängen in Einraumwohnungen verwahrt werden. Oft sind sie nicht mehr imstande, sich selbst und ihre Wohnungen sauber zu halten; man blickt hinter ihren Köpfen in völlig vermüllte Räume hinein, und die Geruchsbelästigung, die jene Bewerberin in die Flucht schlug, ist in der Tat manchmal schwer zu ertragen. Die Fahrstühle in den alten Hochhäusern tuckern im Schneckentempo nach oben; jeder quietscht oder jault in einem anderen Takt. Einer bringt ein abgehacktes Kreischen hervor, das an die Duschszene in „Psycho“ erinnert. Ein anderer pfeift in verschiedenen Intervallen, als singe er eine Melodie. Und dabei muss man sich noch glücklich preisen, wenn sie überhaupt funktionieren, denn fällt einer aus, so darf man mit dem Essen bis zum 7. oder 9. Stock marschieren, und das ist nicht lustig in der Sommerhitze. Ich erlebe im Dienst den Rekordhitzesonntag, als die Stadt unter 38 Grad stöhnt. Aber auch bei Regen, Schnee oder Glatteis dürfte der Job seine Tücken haben.

Allmählich lerne ich meine Kunden näher kennen. Viele wecken mein Mitgefühl, einige auch wirkliche Sympathie. Zwar zu tieferen Gesprächen kommt es nie, die Zeit reicht nur für ein paar Alltagsbemerkungen: Ach, Sie haben ja schon wieder alles weggeworfen, essen Sie doch wenigstens heute was! Wird’s immer noch nicht besser mit dem Rücken? Oh, Sie waren beim Friseur! Oft habe ich den Eindruck, an diesem ganzen langen Tag die Einzige zu sein, die nach den Rückenschmerzen fragt oder die neue Frisur bemerkt. Doch gerade solche seelische Nahrung scheinen diese einsamen Menschen fast noch dringender zu brauchen als die körperliche. Wie dankbar reagieren sie auf jedes Lächeln, jede kleinste Freundlichkeit! Manche blicken mich wie flehend an, als erwarteten sie von mir Hilfe und Befreiung aus ihrer Isolation. Aber was kann ich ihnen geben als ein warmes Mittagessen und eine flüchtige Illusion von menschlicher Zuwendung und Gesellschaft, die nach wenigen Sekunden wieder verschwindet.

Die Welt der Subunternehmer

Das warme Mittagessen ist Massenware, zubereitet von der Großküche der Firma Apetito in Rheine. Die Gerichte werden schockgefroren in die ganze Bundesrepublik geliefert und dann kurz vor der Auslieferung wieder erwärmt. Es scheint, dass Apetito, zumindest in Berlin, eine Monopolstellung für das sogenannte „Essen auf Rädern“ innehat. Zwar wird es von verschiedenen Anbietern vertrieben, hauptsächlich großen Wohltätigkeitsorganisationen. Doch sie alle beziehen die Menüs ausschließlich über Apetito. Mitunter wechselt ein Kunde den Anbieter in der Hoffnung, dass es anderswo besser schmeckt; doch ob er nun beim DRK bestellt, bei Caritas oder den Johannitern, immer findet er denselben Fahrer vor der Tür, und immer trägt das Menü, das ihm gereicht wird, unvermeidlich das Logo von Apetito.

Wir Lieferanten arbeiten allerdings nicht direkt für Apetito, sondern für die selbstständigen sogenannten Subunternehmer der Firma, die jeweils für die Belieferung bestimmter Gebiete oder Bezirke zuständig sind. Durch dieses Outsourcing des logistischen Bereiches spart sich Apetito nicht nur eine eigene Autoflotte, sondern auch die arbeitsrechtliche Verantwortung, denn die Subunternehmer handeln in absoluter Eigenregie. Sie stellen die Touren zusammen, heuern Fahrer dafür an und zahlen deren Löhne aus.

Toby, mein Chef, ist schon seit 23 Jahren für Apetito tätig, und wie er seine Leute auswählt, ist klar: Er nimmt einfach jeden Bewerber an und baut darauf, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. Morgens auf dem Hof kann man die Leute sehen, die er an Land gezogen hat: Rentner, Migranten, Langzeitarbeitslose. Es sind die Outlaws des Arbeitsmarktes, Menschen, die kaum Aussichten auf einen regulären Job haben. Gut möglich, dass Toby davon ausgeht, ein gutes Werk zu tun, und Dankbarkeit erwartet, wenn er uns Chancenlosen eine Chance gibt. Und tatsächlich scheinen die meisten Fahrer mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein und sie voller Engagement zu erfüllen.

Besonders die Rentner sind hochmotiviert. Viele haben die Siebzig weit überschritten, selbst Achtziger sind keine Seltenheit. Vielleicht haben sie einmal hier angefangen, um ihre mageren Renten aufzubessern, doch was sie hält, ist sicherlich nicht nur das Geld. Ich sehe alte Herren regelrecht aufblühen im täglichen Schwatz mit den Kollegen, in den Festlegungen zur Tourenplanung, im Bewusstsein ihrer eigenen Rüstigkeit und Nützlichkeit. Wieviel glücklicher wirken sie als die fernsehenden, Kreuzworträtsel lösenden und Hunde ausführenden Durchschnittsrentner, denen man im Alltag begegnet! Hier kann man lernen, dass in einem bestimmten Alter nicht nur der Arbeitsplatz ein Privileg ist, sondern auch die Arbeitsfähigkeit. Die ständige Konfrontation mit Menschen, die, obwohl an Jahren kaum älter als man selbst, schon von Verfall und Tod gezeichnet sind, verstärkt in begeisternder Weise das Gefühl, noch halbwegs gut beieinander zu sein, noch im Berufsleben zu stehen, noch mitzuzählen auf dieser Welt. Ich erfahre das auch an mir selbst: Nie bin ich so enthusiastisch Treppen gestiegen wie in diesen Wochen, nie vor den Leuten mit solch forcierter Beschwingtheit und Fröhlichkeit aufgetreten. „Das Essen!“, jodele ich durch die Sprechanlagen. Es ist, als müsste ich im Angesicht des mich umgebenden Elends demonstrieren, wie ungeheuer gut es mir geht.

Ich lerne eine Fahrerin kennen, die schon seit fast zwanzig Jahren dabei ist. Dabei hat sie es, sagt sie, finanziell gar nicht nötig. Aber was soll sie, seit langen Jahren Witwe, allein bei sich zu Hause anfangen? Für die gängigen Rentnerbeschäftigungen fehlt ihr jedes Interesse. Doch das Essenaustragen macht ihr Spaß, und das viele Treppensteigen hält sie fit. Vor allem mag sie den Umgang mit den Kunden. In den Jahren auf immer derselben Tour hat sie mit einigen regelrecht Freundschaft geschlossen. Erst heute hat sie wieder eine halbe Stunde verquatscht, weil sie zwei alten Leutchen beim Ausfüllen eines Antragsformulars half. So etwas ist für sie sehr wichtig. Auch sie muss mittlerweile – was man ihr nicht ansehen, nur aus ihren Berichten schließen kann – ungefähr Mitte Siebzig sein, doch nicht im Traum käme sie auf den Gedanken, sich selbst zu den „alten Leutchen“ zu zählen. Sie wirkt drahtig, aktiv und durchtrainiert. Und jetzt muss sie auch schon wieder los: Direkt von ihrer Tour aus fährt sie noch ins Fitnessstudio.

Der Anteil an Frauen, auch jüngeren, ist hoch. Es mögen unausgefüllte Hausfrauen dabei sein, doch mehrmals fallen mir Erscheinungen auf, zu denen ich mir außergewöhnliche Biographien vorstellen könnte. Einmal sehe ich gleich eine ganze Familie, dem Aussehen nach türkischer Herkunft, die gemeinsam auf die Tour geht. Der junge Mann verlädt die Boxen, seine Frau hält ein Wickelkind auf dem Arm und in der freien Hand die Liste für die heutige Fahrt. Als sie die Zusammenstellung sieht, schreit sie auf. „Oh nein!“, ruft sie aus. „38 Kunden! Wie sollen wir das schaffen? Wir werden sterben!“

Die Hetzjagd mit der Kundenliste

38 Kunden, das ist wirklich krass – inzwischen weiß ich schon, wovon ich rede. Die Auslieferung des Seniorenessens soll möglichst nicht vor zehn Uhr morgens begonnen und bis dreizehn Uhr beendet sein. Doch sobald die Kundenzahl die Dreißig überschreitet, ist dieses Zeitfenster kaum einzuhalten, zumindest nicht an den Werktagen, wenn Busse, Lkws, Lieferantenwagen und Müllfahrzeuge die Straßen verstopfen. Ich selbst werde von Toby hauptsächlich an den Wochenenden eingesetzt, wenn die Straßen weitaus ruhiger sind. Doch ein paar Mal muss ich auch den Berufsverkehr mit einer Liste von 33 Kunden bestreiten, und dann wird der Job zu einer Hetzjagd, die erhebliche Gefahrenquellen birgt.

Bei fast jeder Tour passiert irgendetwas, was mich aufhält und den Zeitplan aus dem Takt bringt – ein kaputter Fahrstuhl, eine Menü-Verwechslung oder eine unverhoffte Straßensperrung. Und die Zeit läuft weiter, um Himmels Willen, schon zwölf, und noch immer zehn Kunden auf der Liste! Jetzt aber schnell, gleich die Abkürzung genommen, obwohl man da gar nicht durchfahren darf, und dann noch bei Tiefdunkelgelb über die Ampel. Ich würge Kunden ab, die etwas bei mir loswerden wollen, einen Änderungswunsch, eine Frage zum Menü oder einfach einen kleinen Plausch über das Wetter. Bloß weiter, schon nach eins, und noch vier Kunden auf der Liste. Einer hat schon die Zentrale angerufen und gefragt, ob denn heute noch mit dem Essen zu rechnen sei – voll peinlich! Ein Behinderter, der kaum sprechen kann, stampft mit dem Fuß auf und stammelt: „Spät! Spät!“ Nur der Allerletzte auf meiner Liste, ein stiller alter Mann, der beklagt sich nie. Auch wenn ich erst nach halb zwei bei ihm klingle, er nimmt seine Portion mit einer lächelnden Sanftmut entgegen wie der kleine Oliver Twist. Doch gerade ihm gegenüber habe ich ein besonders schlechtes Gewissen.

Einmal, als ich, die Liste im Nacken, eine Kreuzberger Hauptstraße quere, übersehe ich ein Fahrzeug auf der hinteren Spur. Infernalisches Hupen dringt auf mich ein, und ich erschrecke bis ins Mark. Mit zitternden Knien fahre ich weiter. Um ein Haar hätte es geknallt, und ich wäre eindeutig schuld gewesen. Was dann? Die Versicherung hätte mich gestuft, und wären Reparaturkosten angefallen, so hätte dieser Job, der meine Finanzlage entspannen sollte, mich endgültig in die Bredouille gerissen. Toby beteuert zwar, er hätte mich – was ich unmöglich nachprüfen kann – bei einer nicht näher benannten „Berufsgenossenschaft“ angemeldet, die für Schäden an meiner Person aufkomme. Meinen Wagen aber fahre ich auf eigene Verantwortung, und fahre ich ihn in Klump, habe ich Pech gehabt. Auch die Instandhaltungskosten trage ich selbst, und die sind auf die Dauer nicht unerheblich, denn das ständige Anfahren und Abbremsen erhöht den Verschleiß signifikant. Wie ich von den langjährigen Fahrern höre, wird bei dieser Arbeit alle zwei, drei Jahre eine neue Bremse fällig.

Toby will von Risiken und Selbstkosten nichts hören. Schließlich zahle er großzügig Kilometergeld, stolze 19 Cent pro Kilometer, soviel zahle sonst kaum jemand in der Branche, und das decke ja wohl auch die Instandhaltung ab. („Ihr Smart verbraucht doch kaum Benzin.“) Und die Unfallgefahr? Ach was, sagt Toby, in all den Jahren, die er hier schon aktiv sei, hätte er kaum eine Handvoll Unfälle erlebt. („Und Ihr Fahrzeug ist doch sowieso versichert.“) Zu viele Kunden auf der Liste? Aber nein, das komme mir bloß so vor, weil ich noch keine Routine hätte. 33 Kunden seien locker in drei Stunden zu beliefern.

Mag sein, dass ich zu langsam bin. Doch inzwischen habe ich einen Punkt erreicht, ab dem ich nicht mehr wesentlich schneller werde, denn ich kenne nun die Route mitsamt ihren Schleichpfaden und Abkürzungen. Sie ist bei Weitem nicht die härteste: Von den anderen Fahrern höre ich Zahlen bis zu 40 Kunden pro Tag. Schwer zu glauben, dass sie alle in jedem Fall, auch wenn sie noch so routiniert sind, das vorgegebene Zeitfenster halten. Aber das hinterfragt auch niemand. Für die Auslieferung wird pauschal eine Arbeitszeit von drei Stunden veranschlagt; die An- und Abfahrt zum Hof zählt grundsätzlich nicht mit. Wo es darum geht, mit einem Minimum an Fahrern ein Maximum an Kunden zu versorgen, nimmt man Beschwerden über Verspätungen in Kauf – es sind ohnehin nicht viele bei dieser gebrechlichen Klientel.

Noch weniger ist die Ausbeutung der Lieferanten von Interesse. Sie können ja gehen, wenn ihnen was nicht passt. Es gibt keine Verträge, keine Kündigungsfristen. In der Verschiebung der Verantwortlichkeiten zwischen Mutterfirma und Subunternehmern hat sich eine arbeitsrechtliche Grauzone herausgebildet, in der die Subunternehmer praktisch schalten und walten können, wie sie wollen. Es wird zwar kontrolliert, ob das Essen auch warm genug bei den Kunden ankommt. Aber niemand kontrolliert die Arbeitsbedingungen der Lieferanten. Sozialpolitische Errungenschaften wie Mindestlöhne oder Sonntagszuschläge sind hier völlig unbekannt.

Inwieweit sich die Subunternehmer mit Apetito abstimmen, ist unklar. Meinem Eindruck nach soll und will die Mutterfirma bestimmte Details nicht wissen. Einmal begehe ich einen Fauxpas: Im Büro von Apetito, wo ich einen Punkt der Tagesliste klären will, spreche ich die Befürchtung aus, ich könnte bei dieser Kundenzahl die Belieferung bis eins nicht schaffen. Die Damen im Büro reagieren irritiert und stellen Toby deshalb zur Rede. Er muss sich quasi rechtfertigen und weist mich anschließend mit Nachdruck an, doch solche Äußerungen im Büro zukünftig bitte zu unterlassen.

Intransparente Entlohnung

Das System funktioniert – wer sollte auch daran rütteln? Die Migranten, die froh sind, ein paar Euro zu verdienen? Die Rentner, die hier eine Aufgabe finden? Auf dem Hof wird mein Unbehagen, soweit ich sehen kann, nicht geteilt. Ein alter Herr, der seinem Wagen entsteigt, ruft mir mit fröhlicher Miene zu: „Im Prinzip ist das doch leicht verdientes Geld, nicht wahr?“ Ich schäme mich zu sagen, dass ich die Arbeit noch immer nicht als leicht empfinde, dass ich nie losfahre ohne die Angst, ob heute auch alles gutgehen wird. Doch ich wende ein, es sei vielleicht ein bisschen wenig leicht verdientes Geld, nicht mal Sonntagszuschläge würden gezahlt… Der alte Herr wendet sich ab, sein Lächeln erlischt. Ach, diese Menschen heutzutage, lese ich in seiner Miene, nichts als den schnöden Mammon im Kopf.

Einem anderen Fahrer, mit dem ich etwas ausführlicher ins Gespräch komme, stelle ich geradeheraus die Frage, ob man Toby denn wirklich vertrauen könne. Die Antwort ist ein überzeugtes Ja. („Da kenn ich aber ganz andere in der Branche.“) Trotzdem bleibe ich skeptisch. Gegen Toby persönlich habe ich nichts einzuwenden. Als ich während der Einarbeitungszeit mit ihm durch Berlin gefahren bin, lernte ich ihn als interessanten, vielseitigen Gesprächspartner kennen. Aber als Chef ist er ein Mann, der sich nicht in die Karten gucken lässt. Ein Name und eine Handynummer, das ist alles, was er von sich preisgibt. Er ist weder im Netz noch in den sozialen Medien präsent. Im Grunde weiß ich gar nicht, für wen ich da fahre.

Mitte Juli erscheint auf meinem Konto eine Geldüberweisung, der Lohn für meine Arbeit im Monat Juni. Ich kann nicht nachvollziehen, wie die konkrete Summe zustande kommt, und bitte Toby um eine Lohnabrechnung. Er sagt zu, bleibt mir die Abrechnung aber schuldig. Als ich nachhake, meint er achselzuckend, das könne ich mir doch allein ausrechnen. Er nennt mir die Richtwerte für die Entlohnung, nicht zum ersten Mal, aber wieder nur mündlich. Ich insistiere, will die Lohnabrechnung sehen. Na schön, sagt Toby, er werde mir in den nächsten Tagen eine Mail zusenden. Doch abermals hält er seine Zusage nicht ein. Erst als ich ihn, nachdem ich mit einiger Mühe seine Mailadresse herausgefunden habe, mit dem Entwurf dieses Berichtes konfrontiere, lässt er mir durch einen Mitarbeiter – beileibe nicht durch persönlichen Kontakt! – zwei Lohnscheine für Juni und Juli übermitteln. Doch diese Lohnscheine sind ein Fake – pseudoamtliche Vordrucke, auf denen eine nicht nachvollziehbare Stundenzahl mit dem ebenfalls nicht nachvollziehbaren Faktor 9,19 multipliziert wird. Weder das erwähnte Kilometergeld noch die Anzahl der ausgelieferten Menüs sind in die Lohnberechnung eingeflossen. Mit einem Wort, diese „Abrechnung“ ist eher geeignet, Misstrauen zu säen als zu entkräften.

Natürlich kann es dafür eine harmlose Erklärung geben. Vielleicht mag Toby einfach den Schriftkram nicht. Aber hätte er böse Absichten, so könnte er sie ungestraft realisieren, denn die völlige Intransparenz des Systems ermöglicht weder Kontrolle noch Gegenwehr. Und dahinter scheint immer der Gedanke zu stehen, dass Leute wie wir, die Chancenlosen, die untersten und letzten Glieder in der Kette der Produktion, ja wohl kaum in der Position sind, besondere Ansprüche in puncto Sicherheit oder Arbeitsrecht zu stellen. Fresst, Vögel, oder sterbt!

Abschied mit Bedauern

Am Ende des Probemonats Juli beschließe ich, als Fahrerin aufzuhören. Ich treffe die Entscheidung nicht ohne Bedauern, denn der Job hat schon was in seiner einmaligen Mischung aus Sozialarbeit und Sport. Ich mag die proletarische Trucker-Atmosphäre morgens auf dem Neuköllner Hof, die einsamen Fahrten durch den Dschungel Berlins, die kleinen Dialoge mit den Kunden. Naja, und das Geld hätte ich natürlich auch sehr gut gebrauchen können. Aber das Risiko ist weitaus größer als die gebotenen Verdienstmöglichkeiten und erhöht sich noch durch den Status der absoluten Rechtlosigkeit, in dem man sich als Lieferant bewegt. Man versichert mir, das sei für diese Branche typisch, sei anderswo sogar noch krasser. Aber dann ist diese Branche wohl nichts für mich. Nein, ich mag nicht zu denen gehören, deren prekäre Lebenslage profitabel ausgenutzt wird. Gerade weil ich gesehen habe, mit wieviel Engagement und gutem Willen die meisten hier bei der Sache sind, empört mich der Mangel an Seriosität, der Mangel an Respekt, mit dem man uns behandelt.

Toby nimmt meine Entscheidung gelassen, obwohl sie ihn aktuell hart trifft: Noch immer ist es ihm nicht gelungen, einen neuen Fahrer für meine Tour zu finden. Er muss zusammen mit seinem Sohn sämtliche Einsätze selbst bestreiten. Mitunter hege ich die heimliche Hoffnung, mein Abgang, dessen Gründe er kennt, könnte für ihn ein kleines Signal sein, zumindest eins von mehreren Signalen, dass das System doch nicht unbegrenzt funktioniert und dass ein Umdenken geboten ist, vielleicht auch auf Seiten von Apetito. Aber da wünsche ich mir wohl zu viel. „Das ist nur eine kleine Sommerflaute“, sagt Toby beim Abschied siegesgewiss. „Im Herbst rennen sie mir wieder die Bude ein.“ Ich befürchte, der Mann hat Recht. Solange es in diesem Land Menschen gibt, die vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, werden ihm die Lieferanten nicht ausgehen.