Rentnerabzocke bei Kaffeefahrten

Veröffentlicht: Donnerstag, 12. Dezember 2013 Geschrieben von Tanja Stern

Kürzlich hatte ich mit dem Phänomen der Verkaufsveranstaltungen für Senioren, den so genannten „Kaffeefahrten“ zu tun und habe mich seither ein wenig mit der Materie beschäftigt. Wahrscheinlich brauche ich das Thema gar nicht lang und breit zu erörtern, denn es geht ja oft genug durch Medien und Presse. Umso weniger begreife ich, dass hier von Seiten der Politik nicht längst schon eingegriffen wurde. Diese Verkaufsveranstaltungen sind methodischer Betrug und werden durchweg von Kriminellen organisiert; Ausnahmen sind mir nicht bekannt. Die Drahtzieher verschanzen sich hinter Postfächern und Phantasiefirmen, sind also für die Opfer nicht greifbar, und sie bauen auch ganz bewusst darauf, dass sich Senioren aufgrund ihres Alters schlechter gegen Unrecht wehren können und weder vom Gesetz noch von den Politikern des Schutzes für wert gehalten werden.

In letzter Zeit hat die Dreistigkeit, mit der die Menschen auf diesen Verkaufsveranstaltungen behandelt und abgezockt werden, erschreckende Ausmaße angenommen.

Dass Versprechungen von Gewinnen und Geschenken zum Anlocken der Senioren eingesetzt und dann nicht eingehalten werden, ist heute schon eine Selbstverständlichkeit. Aber in letzter Zeit geht die Unverschämtheit der Veranstalter so weit, dass nicht einmal die Fahrten selbst durchgeführt, die Teilnehmer vielmehr irgendwo in abgelegenen Gaststätten abgesetzt und stundenlang mit allen Methoden des Psychoterrors unter Verkaufsdruck gesetzt werden. Senioren, die dagegen aufmucken wollen, sich weigern zu kaufen oder die versprochenen Gewinne einfordern, werden rüde beschimpft, lächerlich gemacht, oft auch des Saales verwiesen und ohne Rückfahrtmöglichkeit in der „Pampa“ ausgesetzt, was dann auch andere einschüchtert, dem Beispiel der Rebellen zu folgen. Auch im Nachhinein ist eine Gegenwehr oder Wahrnahme von Rücktrittsrechten unmöglich, da die Veranstalter grundsätzlich mit Falschnamen und Scheinfirmen operieren, keine korrekten Quittungen und Rechnungen ausstellen und mit dem ergaunerten Geld so spurlos verschwinden, dass ihr Verbleiben selbst von Detektiven kaum ermittelt werden kann.

Es ist in erster Linie der Gesundheitssektor, auf dem die Kriminellen operieren und Gewinnspannen erzielen, von denen ehrliche Geschäftsleute nur träumen können. Dabei nutzen sie hauptsächlich folgende Faktoren gezielt für ihre Zwecke aus:

  • Einsamkeit: Für viele Senioren sind die Einladungen zu diesen Werbeverkaufsveranstaltungen die einzige Post und die einzige Ansprache, die sie überhaupt erhalten. Sie ergreifen gierig jede Gelegenheit, einmal unter Menschen zu kommen und für einen Tag beschäftigt zu sein.
  • Armut: Die Veranstalter locken mit Gewinnen und Geschenken, die für Empfänger von schmalen Renten selbstverständlich von hohem Reiz sind. Wurde in den 90er Jahren wenigstens noch ein Teil der Geschenke tatsächlich an die Senioren ausgegeben, so gehen sie inzwischen weit gehend leer aus.
  • Krankheit: Wohl wissend, dass ein kranker Mensch, der unter Schmerzen und Todesangst leidet, bereit ist, nach jedem Strohhalm zu greifen, verkaufen die Veranstalter Wässerchen und Wundermittel, indem sie den Käufern die dreistesten Lügengeschichten über Heilerfolge und Expertenempfehlungen auftischen.

Ich weiß nicht, wie hoch der Schaden zu beziffern ist, der den älteren Menschen durch solche Veranstaltungen zugefügt wird, aber nach allem was ich dazu erfuhr, dürfte er jährlich in die Milliarden gehen. Meiner Ansicht nach ist hier ein drastischer Eingriff der Politik nötig; der gesamte Geschäftszweig muss gesetzlich verboten und als Betrug gebrandmarkt werden. Da an die Firmen nicht heranzukommen ist, könnte zunächst eine Verordnung an sämtliche Gastwirtschaften ergehen, die es verbietet, Räume für solche Verkaufsveranstaltungen zur Verfügung zu stellen bzw. dies mit strengen Auflagen und Überprüfungen der Firmen verbindet. Aber auch die Veranstalter selbst könnten bei systematischen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sicher dingfest gemacht und bestraft werden: So sind die meisten dieser Firmen in Bremen angemeldet, wo offenbar das Gewerbeamt bei den Betrügereien mitspielt. Auch hier gibt es Möglichkeiten des Eingriffs.

Da mich dieses Thema persönlich sehr beschäftigt und empört, habe ich wiederholt versucht, dazu Anfragen an zuständige Politiker und Vertreter öffentlicher Institutionen zu richten. Das Echo war bisher leider nur mäßig. Lesen Sie auf der nächsten Seite das Gedächtnisprotokoll meines Telefonats mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes Graue Panther eV, Herrn Jürgen Philipp.

 

Niemand wird gezwungen zu kaufen

(Gedächtnisprotokoll zum Telefonat am 03.12.2008 mit Herrn Jürgen Philipp, Kaufbeuren, Vizepräsident des Bundesverbandes Graue Panther eV)

Nachdem ich an den Bundesverband Graue Panther eV einen Brief zum Thema "Rentnerabzocke auf Kaffeefahrten" geschrieben hatte (er entspricht in etwa dem thematischen Beitrag auf dieser Homepage) herrschte zunächst einige Wochen lang Schweigen. Ich insistierte mit einem zweiten Brief und erhielt nach einer weiteren wochenlangen Wartezeit einen Anruf von Herrn Philipp aus Kaufbeuren, dem Vizepräsidenten der Grauen Panther. Zunächst fragte an, ob ich mit einer fernmündlichen Klärung meiner Anfrage einverstanden sei oder ob ich eine schriftliche Antwort wünsche. Ich erklärte mich einverstanden mit einem Telefonat, für das dann ein Termin am 03.12.2008 vereinbart wurde.

 Zur vereinbarten Zeit rief Herr Philipp an und erkundigte sich zunächst, ob ich schon Mitglied der Grauen Panther sei; das werde eigentlich erwartet, wenn der Verband für jemanden aktiv werden solle. Das Problem der Kaffeefahrten sei unter den Mitgliedern der Grauen Panther bisher noch nicht aufgetaucht, so dass er keine Veranlassung zum Einschreiten sehe. Er habe schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass der Verband jemandem geholfen habe, der dann noch nicht einmal Mitglied werden wollte.

 Ich erwiderte etwas erstaunt, dass ich doch nichts für mich persönlich wünsche. Vielmehr sei ich davon ausgegangen, dass die Grauen Panther sich allgemein den Schutz von Senioren auf die Fahnen geschrieben hätten. Darauf entgegnete Herr Philipp, dass er in diesem Falle keine Schutzbedürftigkeit erkenne. Kein älterer Mensch werde gezwungen, an diesen Kaffeefahrten teilzunehmen oder dort etwas zu kaufen, alle täten es freiwillig und hätten sogar Freude an den Fahrten und den vermeintlich günstigen Waren.

 Ich wies Herrn Philipp darauf hin, dass bei diesen Kaffeefahrten jeder Verbraucherschutz durch kriminelle Praktiken wie Falschadressen oder krasse Überteuerungen ausgehebelt werde, die alten Leute also vollkommen wehrlos seien. Herr Philipp aber konnte sich nicht vorstellen, dass dies tatsächlich so krass sei wie von mir geschildert. Auf allen Gebieten gebe es schwarze Schafe, das könne man überhaupt nicht verhindern. Sollte ich gegen die Kaffeefahrten vorgehen, würden es mir die Senioren nicht danken, weil sie die Kaffeefahrten nun einmal liebten. Die Aufgabe der Grauen Panther sei es nicht, Gesetze oder Einrichtungen anzufechten, sondern ihren Mitgliedern zu helfen, und zwar ausschließlich diesen.

 Ich sagte, dann sei ich bei ihm wohl falsch, und beendete das Gespräch.

 

Wie es weiterging

Soweit, so schlecht. Doch der Dialog mit Herrn Philipp hat sich wider Erwarten fortgesetzt. Im September 2009, also Monate, nachdem ich das Thema der Rentnerabzocke bei Kaffeefahrten auf meiner Homepage erstmals thematisiert hatte, meldete er sich wieder bei mir: Er war zufällig auf meinen Beitrag gestoßen und bekundete mir in einem ziemlich bösen Brief sein Missfallen darüber, via Internet an sein damaliges Statement erinnert zu werden. Doch die daraus entspringende Korrespondenz gewann allmählich einen freundlicheren Ton und entwickelte sich wider Erwarten zu einem anregenden Kontakt, der sich, wenn auch mit Pausen und Widerhaken, bis zum heutigen Tage fortsetzt. Zwar sind wir nie zu einer Einigkeit über das Thema Kaffeefahrten gelangt, doch wir haben immerhin ein gegenseitiges Verständnis entwickelt: Herr Philipp ist jetzt aufgeschlossen für ein Problem, mit dem er sich erst gar nicht beschäftigen wollte, und ich lernte sein Engagement innerhalb der "Grauen Panther" schätzen, obwohl ich diese Vereinigung anfangs als völlig nutzlos eingestuft hatte. Es hilft eben doch, miteinander zu reden.

 Ich will mich hier aller Zitate enthalten, zumal ich nicht in jedem Fall der Erlaubnis zur Veröffentlichung sicher bin, sondern fasse nur in Kürze den Inhalt unserer Debatten zusammen: Herr Philipp plädiert für das Recht der Rentner, nicht bevormundet zu werden und über ihre Handlungen selbst zu entscheiden, auch wenn es sich dabei um die Teilnahme an betrügerischen Kaffeefahrten handelt. Der Grund für den Erfolg dieser Betrugsmasche ist seiner Meinung nach die Gier nach Schnäppchen, eine unausrottbare Eigenschaft des Menschen, die durch Verbote nicht reguliert werden kann. Ich dagegen bin für ein grundsätzliches Verbot der Kaffeefahrten und für ein energisches Vorgehen der Staatsmacht gegen diese dreiste Form organisierter Kriminalität, die sich die Schwäche des Alters zunutze macht, um Profit daraus zu schlagen. Hier geht es nicht um verzeihliche menschliche Schwächen, sondern um skrupellose Verbrechen an Wehrlosen!