Die Faszination des Verfalls - ein Besuch im Spreepark Berlin

Veröffentlicht: Montag, 30. Dezember 2013 Geschrieben von Tanja Stern
Zu DDR-Zeiten als „Kulturpark Plänterwald“ ein vielbesuchter Vergnügungstreff, durchlebte der Spreepark Berlin nach der Wiedervereinigung wechselvolle Zeiten. Jetzt steht er seit über zehn Jahren leer, doch auch sein Verfall ist sehenswert. Ein Bericht über eine der schrägsten Führungen, die Berlin zu bieten hat.

 

Schon von Weitem hört man ein eintönig quietschendes und klagendes Geräusch.  Sind das Vogelschwärme? Oder Waggons in einem endlosen langen Zug, der eine Kurve passiert? Nein, es ist das leere Riesenrad, das sich, allein vom Wind getrieben, langsam um die eigene Achse dreht. Während der Führung durch den Spreepark Berlin wird uns das von Sabrina Witte erklärt: Ein Riesenrad darf man nicht fixieren, da es sonst bei starkem Wind umkippen könnte. Also lässt man ihm seinen Lauf, und der klagende Ton, den es hervorbringt, begleitet uns auf dem ganzen Weg.

Die Familie Witte, der das Spreepark-Gelände zum Teil gehört, hat diese Führungen initiiert – eine clevere Idee, um dem riesigen, seit Jahren brachliegenden Areal wenigstens ein Minimum an Einnahmen abzutrotzen. Doch obwohl die Führungen gut besucht sind, können diese Einnahmen natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Beim Betrieb des Spreeparks Berlin ging es schon immer um Millionen: Millionen wurden eingesetzt, und Millionen sind den Bach runtergegangen.

  • Eine abenteuerliche Familiengeschichte

    Am Anfang stand der „Kulturpark Plänterwald“ – 1969 gegründet und zur DDR-Zeit ein viel besuchtes Ausflugsziel im nicht gerade üppig mit Attraktionen gesegneten Ostberlin. Hier verbrachten Familien ihre Feiertage, die Kleinen fuhren Karussell, die Jugendlichen trafen sich zu ersten Dates unterm Riesenrad, sogar die Ostberliner Punks hatten hier einen berühmten Anlaufpunkt. Doch dann kam die deutsche Wiedervereinigung und mit ihr das Verhängnis für den Kulturpark. Er wurde abgewickelt und an die Spreepark Berlin GmbH verkauft, deren Geschäftsführer Norbert Witte war. Der Mann hatte gewaltige Ambitionen: Aus dem DDR-provinziellen Rummelplatz sollte ein gigantischer Freizeitpark von europäischem Zuschnitt werden. In großem Stil wurden Attraktionen angeschafft und ausgebaut, künstliche Dörfer, Wildwasserbahnen, nichts war zu teuer für den Spreepark Berlin. Ein Erbbaurechtsvertrag mit dem Land Berlin, das eine Bürgschaft in Millionenhöhe für Norbert Witte leistete, ermöglichte die Finanzierung der extravaganten Spielgeräte. Einige Jahre lief alles gut. Doch als die Eintrittsgelder erhöht werden mussten, blieben die Besucher weg. Hinzu kamen logistische und organisatorische Probleme, die zum Teil auch mit den Rahmenbedingungen des Erbbaurechtsvertrages zusammenhingen. 2001 musste die Spreepark GmbH Insolvenz anmelden. Die Schulden beliefen sich auf 11 Millionen Euro.

    Ein Jahr später setzte sich Norbert Witte mit seiner Familie nach Peru ab. Die Hauptattraktionen des Spreeparks nahm er mit. Als er auch in Südamerika mit dem Betrieb eines Vergnügungsparks scheiterte, versuchte er, sich durch Drogenschmuggel das nötige Kleingeld zu beschaffen: 167 Kilo Kokain fand die peruanische Polizei im Mast eines Karussells versteckt. Norbert Witte musste seine Tat nach deutschem Recht mit vier Jahren Gefängnis büßen. Sein Sohn Marcel, der in Lima zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, schmort bis heute im peruanischen Knast und hat kaum Chancen, ihn in absehbarer Zeit zu verlassen. 

    Sabrina Witte, die Tochter der Skandal-Familie, ist es, die uns durch den Spreepark führt – ausnahmsweise, denn sie springt heute ein für den etablierten Spreepark-Führer Christopher Flade. Für uns ist das ein Glück, denn so erfahren wir die abenteuerliche Familiengeschichte der Wittes gleichsam aus erster Hand. Sabrina Witte distanziert sich zwar von ihrem Vater, betont zugleich jedoch nicht ohne Stolz ihre Bindung an die Tradition einer Familie, die über drei Generationen hinweg das Schaustellergewerbe betrieben hat, in guten wie in schlechten Zeiten, auf kleinen Rummelplätzen wie in hochmodernen Vergnügungsparks. Jetzt führt sie die Geschäfte, und sie will versuchen, die Karre wieder flott zu machen, die ihr Vater so grandios in den Sand gesetzt hat. Seit Wittes Flucht stehen im Spreepark alle Räder still. Zwar hat es in den vergangenen zehn Jahren nicht an potenziellen Investoren gefehlt. Hin und wieder hat auch jemand ernsthaftes Interesse bekundet, Konzepte vorgelegt und Berechnungen erstellt. Doch jedes Mal gab es irgendeinen Stolperstein, der das Projekt zum Scheitern brachte. Ein Areal in schönster Berliner Lage liegt seit Jahren brach und verfällt.

  • Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern...

    Georg Trakl, VerfallGeorg Trakl, VerfallMehr als zwei Stunden führt uns Sabrina kreuz und quer über das Gelände. Sie zeigt uns die Reste der Wildwasserbahn, den kleinen Bahnhof für die parkeigene Eisenbahn, das abgewrackte Westerndorf. Das Riesenrad jammert immer lauter, und die Fotoapparate klicken. Die Motive, die sich uns bieten, sind aber auch der Abbildung wert: verlassene Gondeln, die sich leise im Winde wiegen, moosbewachsene Plattformen und Treppen, bröckelnde Fassaden, zerbrochene Fenster. Zudem ist Herbst, und wir könnten uns für das, was wir sehen, keinen passenderen Hintergrund wünschen als die abgeblühten Sträucher im Park, die laubbedeckten, matschigen Wege, die melancholische Abschiedsstimmung, die über der Szene liegt. Einst herrschte hier gesellschaftlicher Hochbetrieb, Verkäufer boten ihre Waren feil, junge Mädchen steckten kichernd die Köpfe zusammen, und Mütter riefen nach ihren Kindern. Jetzt sind all diese Rufe verstummt, keine Menschenseele verirrt sich hierher. Es ist wie in dem Gedicht „Verfall“ von Georg Trakl, nur dass hier in den entlaubten Zweigen keine Amsel klagt, sondern ein Riesenrad.

    Sabrina Witte macht ihre Sache gut. Sehr lebendig erzählt sie von ihrer Kindheit, in der ihr der Spreepark einen einzigen großen Abenteuerspielplatz bot, von ihrem Großvater, der bei einem spektakulären Jahrmarktsunfall ums Leben kam, von den verschiedenen Konzepten zur Rettung des Spreeparks, von dem großen Kokaindeal ihres Vaters… Als wir direkt vor dem Riesenrad stehen, muss sie schon ziemlich die Stimme heben, denn das Quietschen ist nun fast schon ein Kreischen. Wir laufen über die morschen Holzwege und Brücken, bis wir direkt vor dem Einstieg stehen, einige Mutige wagen sich sogar bis in die Gondeln vor. Zuletzt zeigt uns Sabrina noch die beiden ehemaligen Restaurants. Auch hier herrscht ungehemmter Verfall. Die Fenster sind blind, die Räume leer. Wird hier je wieder neues Leben erblühen?

    Beim Abschied äußert sich Sabrina Witte verhalten optimistisch zu dieser Frage. Sie sagt, sie hätte im Spreepark ihre Kindheit verlebt, und sie würde sich wünschen, dass später einmal auch ihre eigenen Kinder hier spielen. In den nächsten Wochen und Monaten stehen wichtige Entscheidungen zur Zukunft des Geländes an. Vielleicht war unsere Führung schon eine der letzten, die den verfallenden Spreepark zeigten.