Das anonyme Heer der Schreibsklaven

Veröffentlicht: Donnerstag, 26. September 2013 Geschrieben von Tanja Stern Drucken
Online-Textagenturen haben Konjunktur, doch die Autoren werden jämmerlich bezahlt. Auch ich arbeitete einige Wochen im anonymen Heer der Schreibsklaven.

 

Ebbe in der Haushaltskasse, keine Aufträge in Sicht – da muss die Freiberuflerin neue Wege finden, um das nötige Kleingeld aufzutreiben. Unter Suchworten wie „Geld verdienen im Internet“ stoße ich schnell auf die Online-Textagenturen, die neuerdings wie Pilze aus dem Boden schießen. Hier kann jeder als Autor agieren, der von sich glaubt, einer zu sein. Man meldet sich an, absolviert einen kurzen, leicht zu bestehenden Eignungstest und wird mit einem automatisch erstellten Schreiben als Autor im Portal begrüßt.

Nun loggt man sich ein und findet ein wildes Durcheinander von Schreibaufträgen vor: Hier will ein Modedesigner seine neueste Kollektion in einer Pressemitteilung vorstellen, da wird ein Infotext zum Sauerland verlangt, und dort wünscht sich der Betreiber eines Gartenportals einen Beitrag über Dahlienknollen. All diese Schreibaufträge werden in einem sogenannten Pool gelistet und harren des Autors, der sie erledigt. Wer immer sich zutraut, den Text zu schreiben, klickt einfach auf „Annehmen“ und hat den Zuschlag. Er schreibt seinen Text, sendet ihn an den Kunden, und wird, wenn dieser zufrieden ist, mit dem zuvor in der Auftragsbeschreibung avisierten Honorar entlohnt.

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    Die ganze Prozedur läuft völlig anonym und automatisch ab. Der Autor hat keinerlei persönliche Kontakte, nicht zur Agentur, nicht zu den anderen Autoren, im Regelfall nicht einmal zum Auftraggeber. Allerdings kann nicht jeder Autor jeden Auftrag übernehmen. Es gibt eine festgelegte Hierarchie: Die Autoren werden in Stufen eingeordnet, über die sie sich hocharbeiten müssen, bei manchen Portalen auch in Kategorien wie Gold-, Silber- und Bronzeautor. Die Anfänger landen erst mal in der untersten Kategorie. Sie erhalten die schlechtesten Aufträge und bekommen dafür das wenigste Geld. Doch jeder Text wird vom Auftraggeber bewertet, und wenn die Bewertungen gut sind, wird man höher eingestuft. Dann winken attraktivere Aufträge, und das Honorar steigt um einige Cent.

    „Um einige Cent“ ist keine Redewendung, sondern ganz und gar wörtlich zu nehmen. Schon die Auftraggeber zahlen Dumpingpreise an die Textagenturen, und von diesen Dumpingpreisen bleiben, wenn ich die Lage richtig übersehe, etwa 10 Prozent beim Autor hängen; den Rest streichen die Textagenturen ein. Als ich meinen ersten Text schrieb, flennte ich fast vor Wut und Demütigung. Es war ein zahnärztlicher Fachtext über Wurzelkanalbehandlungen. Der Kunde hatte 250 Worte bestellt, dazu den Einbau verschiedener Keywords sowie von Zwischenüberschriften. Dafür winkte ein Lohn von – 2,11 €. Etwa zehn Minuten brauchte ich, um die Auftragsbeschreibung zu studieren. Eine weitere Viertelstunde ging für Netzrecherchen drauf. Zwar gab es einen vorgegebenen Urtext, auf den ich mich zu stützen hatte, doch der Kunde legte Wert auf „unique content“, weshalb ich auch noch andere Texte über Wurzelkanalbehandlungen hinzuzog. Dann schrieb ich vielleicht eine halbe Stunde an dem eigentlichen Text, und ganz zuletzt baute ich die Keywords ein, die mich nochmals eine Viertelstunde kosteten. Und das alles für 2,11 €! Mein Gott, was war aus mir geworden? Was tat ich hier? In meiner Jugend hatte der Beruf des Autors – oder „Schriftstellers“, wie man damals sagte – in hohen gesellschaftlichen Ehren gestanden. Wann war er so in Verfall geraten, dass Schreiben schlechter bezahlt wurde als Putzen? Ich hatte die Gabe, formulieren zu können, immer für einen Gewinn gehalten – und jetzt war sie nicht mehr wert als ein Brosamen von 2,11 € für anderthalb Stunden harter Arbeit. Jetzt war aus mir eine Schreibnutte geworden, die sich zum Schnäppchenpreis verkaufte. Tiefer konnte man nicht sinken.

  • Weiterlesen: Vielleicht bekommt man ja Routine?

    Doch die nächste Miete wollte bezahlt sein, und ich beschloss, den Schreibagenturen eine weitergehende Chance zu geben. Wenn ich Routine bekam und wenn es mir gelang, eine höhere Hierarchiestufe zu erklimmen, verbesserte sich vielleicht mein Stundensatz. Andere Autoren verdienten doch auch bei solchen Agenturen ihr Geld – zumindest wenn man den einschlägigen Chats und Verlautbarungen im Internet glaubte. Agenturen wie Textbroker oder Clickworker beschäftigen Zehntausende von Autoren, und die meisten sind völlig gutartig, ja mit Begeisterung bei der Sache: vom Schüler, der sein Taschengeld aufpeppt und dabei noch Journalismus übt, über den Hartz-4-Empfänger, der am heimischen Computer dem monotonen Arbeitslosendasein entflieht, bis hin zum pensionierten Professor, der durch Schreiben sein Gehirn in Schwung hält, alle füttern sie die Textportale, und das in einem solchen Ausmaß, dass man sich regelrecht ranhalten muss, um überhaupt Aufträge zu bekommen. War ich vielleicht etwas Besseres als die?

    Und dann die Auftraggeber! Wer ließ nicht alles über Textagenturen schreiben: bekannte Firmen, große Portalbetreiber! Bei Independent Publishing beispielsweise gab es Aufträge von ComputerBild: Für 9 Euro – ganz dicker Fisch! – konnte man da in 500 Worten bestimmte Handys oder Router in ihren technischen Einzelheiten beschreiben. Ich las zuweilen Computerbild, und ich hatte mir immer vorgestellt, da wären in Redaktionen und Laboren fleißige Fachjournalisten am Werk („So gründlich testet Computerbild“); aber weit gefehlt, es waren nur kleine anonyme Agenturautoren wie ich, die wahrscheinlich sogar noch stolz darauf waren, sich für 9 Euro pro Artikel in ein renommiertes Blatt einzuschreiben. Im Grunde war ich doch mit diesem Job im Journalismus angekommen – im Arsch des Journalismus, gewiss, aber auch in einem Arsch kann es lebendig und produktiv zugehen. Doch, ich wollte versuchen, mich da reinzufitzen. Vielleicht wurde es ja noch ein interessanter Job.

     In den nächsten Wochen schrieb ich ein kunterbuntes Gemisch von Artikeln: Heute ging es um den Service „Rent-a-Dirndl“, morgen um Tipps für billigeres Tanken und übermorgen um das Burnout-Syndrom. Ich muss gestehen, das wilde Durcheinander von banalen und gewichtigen Themen hatte für mich durchaus seine Reize; wahrscheinlich hätte ich langfristig sogar meinen Horizont erweitern können. Doch der Trainingseffekt, auf den ich gehofft hatte, stellte sich auch nach dem zehnten Auftrag nicht ein. Der Zwang, gründlich zu recherchieren und sorgfältig zu formulieren, saß unausrottbar in mir fest und hinderte mich, die Texte mit jener unbekümmerten Routine in die Tastatur zu hämmern, über die andere Autoren offenbar verfügten. Ich brachte halbe Nächte am Computer zu, doch mein Kontostand wuchs nur kleckerweise, und der Gedanke, dass ich für meine Arbeit schlechter bezahlt wurde als eine Näherin in Bangladesh, war eine permanente Demütigung für mich.

    Am meisten Zeit kosteten mich die Kundenvorgaben. Jeder Autor einer Schreibagentur muss seine Kunden über eine eigene Editormaske beliefern, die so eingerichtet ist, dass ein Text erst dann verschickt werden kann, wenn alle Vorgaben erfüllt sind. Verlangt der Kunde 300 Worte, so müssen auch mindestens 300 Worte abgeliefert werden. Der Kunde selbst wäre vielleicht zufrieden, wenn er die Informationen, die er anbringen will, in 295 Worten ausgedrückt fände, aber die Software lässt sich nicht erweichen. Man muss Füllworte erfinden, oft auch ganze Füllsätze, bis die gewünschte Wortzahl erreicht ist. Und dann die Keywords: Viele Kunden geben eine regelrechte Liste von Keywords vor, und wenn man Pech hat, sollen diese auch noch mehrfach im Text erscheinen. Damit wird das Schreiben zu einer Art Knobelaufgabe degradiert (Bilden Sie einen Satz mit „Hundehaltung“, „Mietwagen“ und „Sternekoch“), die jedwedes Bemühen um einen gut lesbaren Artikel zunichte macht. Ich erinnere mich besonders an das Vorwort zu einem Online-Reiseführer für die Schweiz, in dem ich je viermal die Keywords „Schweiz Reiseführer“, „Schweiz Reisen“, „Schweiz Info“ und „Reiseführer Schweiz“ anbringen musste. Statt frei die Schönheiten der Schweiz zu schildern, drechselte ich Sätze wie: „Ihr Schweiz Reiseführer begleitet Sie zu…“ oder „Wenn Sie in die Schweiz reisen, sollte diese Schweiz-Info nicht fehlen“. Kürzlich habe ich anhand dieser Keywords meinen Text im Internet gesucht, konnte jedoch nicht fündig werden. Die ganzen Verrenkungen haben dem Kunden wohl bei Google nicht viel genützt.

    Ich schrieb hauptsächlich für Independent Publishing, das als Edelportal der Branche galt. Dort wurde etwas besser gezahlt als bei Clickworker oder Textbroker, wo Schreibaufträge mitunter buchstäblich für Centbeträge vergeben wurden. Auch im Arbeitsstil und in der Führung der gut strukturierten Homepage war Independent Publishing seinen Konkurrenten klar überlegen. Doch entsprechend stark war auch der Run der Autoren, so dass die Aufträge dort immer schnell vergriffen waren. In jenen Wochen bin ich frühmorgens immer gleich als erstes zum Computer gehechtet, um verfügbare Schreibaufträge abzugreifen, bevor es jemand anderes tat.

     Auch die Kunden waren strenger und anspruchsvoller als bei anderen Agenturen. Nicht selten musste ich einen Artikel ein- oder gar zweimal umschreiben, bevor ihn der Auftraggeber gnädig abnahm – oder war es eine Auftraggeberin? Die Revisionen wurden niemals unterzeichnet. Auch in dieser Hinsicht herrschte strengste Anonymität. Ich denke, diese Leute wussten sehr genau, an welcher Art System sie da beteiligt waren und welcher Stellenwert dem Autor innerhalb dieses Systems gebührte.

  • Weiterlesen: Das Ende meiner Texterkarriere

     Dem Eingriff eines Kunden verdankte ich es auch, dass meine Laufbahn als Schreibsklavin ein abruptes Ende nahm. Es war nicht irgendein Kunde, sondern kein Geringerer als ComputerBild, dessen Präsenz bei Independent Publishing mich anfangs so verwundert hatte. Eines Tages wagte ich es und schnappte mir einen der 9-Euro-Aufträge, die ComputerBild dort zu vergeben pflegte. Es ging um das Thema „Ebay-Alternativen“. Ein erster Blick ins Netz ergab, dass jede Zeitung und jeder größere Blog bereits einen Artikel zu diesem Thema vorhielt und dass alle diese Artikel ziemlich uniform und langweilig waren: eine schlichte Aufzählung und Kurzbeschreibung der Auktionshäuser, die Ebay Konkurrenz zu machen suchten. Das kannst du besser, sagte ich mir, und nahm das Thema über einen privaten kleinen Test in Angriff. Ich gab mir Mühe und saß stundenlang über dem Artikel, doch bei ComputerBild kam er schlecht an: Ein anonymer Mitarbeiter bedeutete mir, ein persönlicher Aufhänger hätte bei Computerbild nichts zu suchen, und lehnte meinen Artikel ab. Besonders übel nahm er oder sie mein Fazit, dass es zu Ebay derzeit keine nennenswerten Alternativen gebe. „Die Autorin stellt Ebay als das beste Portal dar“, hieß es anklagend in dem Beschwerdebrief an das Team von Independent Publishing. Und das Team machte mit mir nicht viel Federlesens. In einem vorgefertigten Schreiben ließ man mich höflich bedauernd wissen, dass ich für diesen Artikel leider keine Vergütung erhalten könne. Der Kunde hat bekanntlich immer Recht.

     Lesen Sie hier die Reportage über Ebay-Alternativen, an der meine Karriere als Texterin gescheitert ist.

    Erst durch diese Ablehnung, die erste in meiner jungen Texterkarriere, wurde mir die absolute Rechtlosigkeit klar, in der sich ein Schreibagentur-Autor befand. Ich war in ein Loch des Rechtsstaats gefallen; Agenturen und Kunden konnten wirklich so ungeniert und uneingeschränkt mit mir umspringen wie mit einer Leibeigenen. Für uns Autoren gab es keine Justiz, schon deshalb nicht, weil die Beträge, um die wir geprellt werden, so gering sind, dass dafür kein Mensch vor Gericht zieht. Für uns gab es weder Gewerkschaft noch Betriebsrat, weil die strikte Anonymität, die in dieser Branche Bedingung ist, uns nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch untereinander isoliert. Und die Politik, die gab es für uns schon gar nicht. Ich glaube kaum, dass irgendein Politiker weiß, was das Wort Online-Textagentur bedeutet. Politiker weinen zwar um jede Friseuse, die einen Stundenlohn von 6,50 Euro bekommt (oh, das wäre ein Traumhonorar für den Autor einer Schreibagentur!), doch was im Internet geschieht, ist für sie lediglich verschwommenes „Neuland“ jenseits der Welt, in der sie agieren. Darum funktioniert das System, und darum können die Betreiber von Textagenturen in ihrem Imperium herrschen wie Despoten: weil sie niemand daran hindert. Soziales Gewissen gibt es offenbar nur, wenn eine Öffentlichkeit dafür vorhanden ist.

      Ich nahm diese Erkenntnis zum Anlass, mich endgültig von einem Gewerbe zu verabschieden, das ohnehin nicht geeignet war, mir meine Monatsmiete zu sichern. Die Agenturen nahmen es vermutlich gelassen; an Autoren herrschte schließlich kein Mangel. Und wer weiß: Wären die Prämissen und die Honorare fairer gewesen, womöglich wäre auch ich noch dabei, denn das Jobkonzept als solches ist modern und hat durchaus Potenzial. Es steckt nur leider noch in der Phase des unbewachten Raubkapitalismus. Darum möchte ich, bevor ich diese Episode meines Lebens schließe, noch ein bisschen träumen von einer alternativen Schreibagentur: einer Schreibagentur, in der die Autoren selbst das Sagen haben. In der sie als Produzenten den Gewinn einstreichen, statt mit 10 % abgespeist zu werden. In der Mindesthonorare und Autorenrechte garantiert sind. In der Transparenz herrscht und die Arbeitspartner einander kennen. Wer gründet eine solche Textagentur? Open-Sourse-Verfechter, Netzpioniere, wie wärs? Hier wartet eine echte Herausforderung!