Wenn Medizintourismus schiefgeht - eine deutsch-polnische Reklamation

Veröffentlicht: Mittwoch, 29. Januar 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Zahntourismus nach Polen oder Tschechien ist beliebt, und wenn alles gut geht, auch erfreulich preiswert. Doch wenn es schief geht, hat der deutsche Patient kaum Möglichkeiten der Reklamation. Das musste ich erleben, als ich in Küstrin meinen Unterkiefer sanieren lassen wollte.

Die Zahnklinik Medica Dent III, im Besitz der Firma Cercon Schumann Polska, lag im polnischen Teil Küstrins, direkt hinter dem Grenzübergang, und war ganz auf deutsche Kundschaft eingestellt. Im Sommer 2010 verbrachte ich ein paar Urlaubswochen in der Gegend und kam jedes Mal an der Klinik vorbei, wenn ich zum Einkaufen nach Polen fuhr. Eines Tages hielt ich an und erkundigte mich nach den Konditionen für eine Unterkiefersanierung, die bei mir dringend erforderlich war.

Die Behandlungsräume wirkten modern, das deutschsprachige Personal war freundlich und entgegenkommend, die Behandlungstermine ließen sich innerhalb meines Urlaubsaufenthalts legen, und die günstigen Preise taten ein Übriges, um mich von den Vorzügen einer polnischen Zahnbehandlung zu überzeugen. Ich nahm das Angebot der Klinik an – ein Fehler, dessen Folgen mich noch jahrelang begleiten sollten.

Keine Angst, ich werde mich jetzt nicht über die zahntechnischen Einzelheiten verbreiten. Hier nur soviel: Die eine Unterkieferseite wurde ordnungsgemäß behandelt, die andere dagegen verpfuscht, und zwar dermaßen krass und gründlich verpfuscht, dass kein europäischer Fachzahnarzt daran einen Zweifel hegen könnte. Die Folge war, dass ich den Herbst und Winter 2010 ganz unter dem Joch meiner Zähne verbrachte. Ich konnte nur auf einer Seite kauen, aß nur Weichgekochtes und hatte nur Schmerzen. Wohl ein Dutzend Mal legte ich den weiten Weg von Berlin nach Küstrin zurück, ich bestürmte die Klinik mit emails, um die Behandlung zu reklamieren; doch die polnische Zahnärztin beharrte darauf, dass alles in bester Ordnung sei, und ihr Chef war natürlich derselben Meinung.

Endlich suchte ich reumütig einen einheimischen Zahnarzt auf, gestand ihm mein polnisches Abenteuer und bat kleinlaut um Hilfe. Der Mann hatte monatelang stramm zu tun, um eine Lösung für die völlig verkorkste Zahnsituation zu finden. Er behandelte eine fortgeschrittene, äußerst schmerzhafte Wurzelentzündung und fand schließlich auch eine neue Lösung für die Freiendsituation auf der linken Unterkieferseite. Dabei fielen natürlich weitere Kosten an, und als ich meiner Krankenkasse zu der bereits eingereichten polnischen Rechnung auch noch eine deutsche vorlegte, entstand ein versicherungstechnisches Chaos, das gleichfalls viel Arbeit erforderte. Immerhin, im Frühjahr 2011 hatte ich alles geklärt und war wieder in der Lage, kraftvoll zuzubeißen.

Reklamation im deutsch-polnischen Verbraucherzentrum

Diese Grenze sollte man als Zahnarztpatient möglichst nicht überschreiten.Diese Grenze sollte man als Zahnarztpatient möglichst nicht überschreiten.

Von Anfang an war ich entschlossen, den Pfusch nicht auf sich beruhen zu lassen. An eine Schmerzensgeldforderung dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht; doch es erbitterte mich, dass ich für eine völlig verfehlte Behandlung soviel Geld ausgegeben hatte, und noch mehr erbitterten mich die langen und sinnlosen Autofahrten, die ich auf mich genommen hatte. Da die Klinik Medica Dent III weder auf Briefe noch auf emails reagierte, wandte ich mich an das deutsch-polnische Verbraucherinformationszentrum in Frankfurt/Oder, wo ich um Vermittlung bat.

Dieses Zentrum ist eine Art Verbraucherzentrale für grenzüberschreitende Angelegenheiten – vom defekten Kochtopf, den die deutsche Hausfrau auf dem Polenmarkt erstanden hat, bis zur Vertragsgestaltung mit der polnischen  Pflegerin für den deutschen Opa. Auch ich war zu diesem Zeitpunkt nichts als eine unzufriedene Verbraucherin, und so nahm sich ein Mitarbeiter des Verbraucherzentrums meines Falles an. Er setzte ein Schreiben an die Klinik auf, in dem mein Anspruch anwaltsmäßig akkurat dokumentiert und begründet wurde. Er ließ es, für mich kostenfrei, übersetzen. Er tat alles, was im Rahmen des Außergerichtlichen möglich war. Doch eine juristische Vertretung in deutsch-polnischen Rechtsstreitigkeiten darf das Verbraucherzentrum nicht übernehmen, und so stand hinter seinen Aktivitäten keine Macht, die die Zahnklinik zum Einlenken hätte bewegen können. Die Anwältin der Gegenseite teilte in dürren Worten mit, dass kein Behandlungsfehler erkennbar sei, und wies meine – damals noch sehr bescheidene – Schadensersatzforderung zurück.

Regressforderung bei der Versicherung Inter Polska

Nun blieb mir keine andere Wahl mehr, als einen polnischen Anwalt zu nehmen. Vor diesem Schritt hatte ich mich gefürchtet: Bisher waren keine Geldausgaben angefallen, doch ab jetzt musste ich investieren, und zwar mit äußerst unsicherem Ausgang. War es klug, diese Sache weiter zu verfolgen? Warf ich meinem guten Geld nicht schlechtes hinterher? Das Herz blutete mir, als ich den ersten Vorschuss an meinen neuen Anwalt überwies. Doch ungebrochen war meine Entschlossenheit, die Klinik auf keinen Fall davonkommen zu lassen. Auch baute ich auf die Klarheit des Falles: Die Beweise waren so eindeutig, der Pfusch so schlüssig dokumentiert, dass ich mir zutraute, jedes Gericht zu überzeugen.

Die Kernfrage war: Wen sollte ich verklagen? Die Zahnärztin, die den Pfusch verursacht hatte? Die Besitzer der Klinik, in der sich das abspielte, also in meinem Fall die Cercon-Schumann-Gruppe? Wahrscheinlich wäre das besser gewesen, denn einer dieser Besitzer war Deutscher, so dass ich die Sache vielleicht auf deutschem Terrain hätte abwickeln können. Doch mein Anwalt schlug mir vor, zunächst die Versicherung der beiden polnischen Zahnärzte in Regress zu nehmen. Das sei kostengünstiger und werde im Erfolgsfall den Gerichtsprozess vermeiden. Ich stimmte dem Vorschlag arglos zu, nicht ahnend, worauf ich mich da einließ. Die zuständige Versicherung Inter Polska, die europaweit Versicherungen für medizinisches Personal anbietet, entwickelte bei der Bearbeitung des Regressantrags eine Bürokratie, gegen die sich selbst der berühmte deutsche Amtsschimmel wie ein harmloses Pony ausnahm: Da musste die gesamte Zahnbehandlung, auf deutscher wie auf polnischer Seite, lückenlos dokumentiert und übersetzt werden, ganze Stöße von Fragebögen wurden geschickt, selbstverständlich alle auf polnisch, und auf polnisch waren sie von mir auch auszufüllen. Zum Glück hatte ich eine polnische Freundin, die mir bei der Übersetzung half, sonst wäre ich allein schon an der Bürokratiehürde gescheitert.

Die Prüfung des Regressantrags erwies sich als Farce mit vorprogrammiertem Ergebnis. Ein „Gutachten“ wurde in Auftrag gegeben, und das gelangte zufällig genau zu dem Schluss, den sich die Inter Polska wünschte: Es war alles in Ordnung, kein Ärztepfusch lag vor. Der „Gutachter“ hatte sich nicht die Mühe genommen, mich und meinen Zahnstatus zu untersuchen, aber offenbar hatte er ausführlich mit der Gegenseite gesprochen und gab zum Teil wörtlich die Statements wieder, die von der beklagten Zahnärztin zu dem Fall abgegeben worden waren. Die Regressforderung wurde abgewiesen.

Vorgerichtliches Schlichtungsverfahren

Trotzdem hoffte mein Anwalt noch immer, den Fall außergerichtlich zu lösen. Im polnischen Recht gab es das sogenannte „vorgerichtliche Schlichtungsverfahren“, eine Art Güte- und Ausgleichsverhandlung, die es gegnerischen Parteien vor Gericht ermöglichen sollte, Kompromisse und Vergleiche zu schließen. Die Kosten für dieses Instrumentarium (in meinem Fall 200 Euro) waren zwar weitaus niedriger als die regulären Verfahrensgebühren, aber immer noch viel zu hoch, denn sie erwiesen sich als rausgeschmissenes Geld: Die beklagten Zahnärzte waren siegessicher und zu keinem Entgegenkommen bereit. Und hatten sie dazu nicht allen Grund? Sie bewegten sich auf ihrem eigenen Terrain, während ich mich wie durch dichten Nebel tasten musste. Mein polnischer Anwalt machte zwar den Eindruck eines kompetenten und redlichen Mannes, doch ich konnte in seine Arbeit niemals einbezogen werden, konnte sie nicht prüfen, nicht durch Mitarbeit ergänzen. Im Grunde war ich ihm ausgeliefert.

Vier Jahre lang hatte ich viel Zeit, Arbeit und Geld in die Hoffnung investiert, ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Aber es ließ sich nicht vermeiden – im Gegenteil, gerade der Eindruck des Zurückscheuens vor der letzten Konsequenz hatte die Gegenseite nur in ihrer Dreistigkeit bestärkt. 2014 reichte mein Anwalt endlich Klage vor dem Amtsgericht Stettin ein – der Beginn eines neuen Leidensweges, der in einem gesonderten Artikel geschildert wird.

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