Denkmale im Oderbruch

Veröffentlicht: Donnerstag, 01. Mai 2014 Geschrieben von Gisela Basel

Gisela Basel arbeitet ehrenamtlich im Heimatmuseum Platkow bei Seelow, das sich für die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte im Oderbruch engagiert. In ihrem Gastbeitrag informiert sie über die Kriegs- und Friedensdenkmale in ihrer Region.

 

Die Denkmale im Oderbruch sind vielfältig und oft unscheinbar. Sie verdanken wie überall ihre Existenz meistens auf die eine oder andere Art dem Krieg. Keiner würde vermuten, dass das kleine Doppeldorf  Gusow-Platkow es alles in allem auf gut 60 Denkmale bringt: Bodendenkmale, wie Siedlungsplätze aus verschiedenen Epochen der Stein- und Bronzezeit, oder eine slawische Fluchtburg sind nur Eingeweihten und dem archäologischen Landesamt bekannt.

Dann gibt es Naturdenkmale, an denen zumindest hier noch (manchmal) die Tafel mit der Eule hängt, die so einen besonders geschichtswürdigen oder einfach nur sehr alten überlebenden Baum oder Baumbestand vor der alternativen Verheizung schützt. Sie leben noch trotz zahlreicher 1945er Granatsplitter wie die Derflinger Eiche. Die heißt so, weil nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 der in selbigem sehr erfolgreiche General Derflinger sie als Grenzbaum pflanzen ließ. Er war ein junger Schneider aus Neuhof in Österreich. In ihm steckte jedoch der Soldat und wollte raus, weshalb er im Krieg beispiellos Karriere gemacht hat und sich nach vielen Ruhmestaten als frommer Mann bei uns niederließ.  Aber eine Hindenburg- und eine Hitler-Eiche stehen unerkannt auch auf unserem Anger. Die Bäume können ja nichts dafür.

Gedenktafel in Brandenburg. Fast jedes Dorf wurde im Krieg dezimiert.Gedenktafel in Brandenburg. Fast jedes Dorf wurde im Krieg dezimiert.

1856 ließ der ungern Krieg führende Preußenkönig Friedrich II. unser sumpfiges Land urbar machen und seine Philosophie „dass jeder nach seiner Fasson selig werden dürfe“, solange er dem Staat Steuern zahlt, beförderte die Initiative der inzwischen hier sesshaft und wehrhaft Gewordenen. Ihrem Kampf gegen die napoleonische Herrschaft setzte der Apothekersohn aus Letschin Theodor Fontane mit seinem Roman „Vor dem Sturm“ ein Denkmal. Andere sind dazu nicht mehr vorhanden. Aber diesen Kriegen entstammt das „Eiserne Kreuz“, gestiftet vom Preußenkönig Wilhelm III. als Orden für jeden tapferen Mann, unabhängig von seinem Rang und Stand. Auch befahl er die Einrichtung einer Waffenprüf- und Entwicklungsanstalt, die 1816 ihre Arbeit aufnahm und für alle folgenden deutschen Kriege bis 1945 Kriegstechnologie auswertete und entwickelte.
Die Industrialisierung  des 19. Jahrhunderts hinterließ uns nicht nur Bau- und Industriedenkmale: Häfen an der Oder, Kanäle, das älteste Schiffshebewerk Europas, die Ostbahn von Berlin nach Ostpreußen, Trafostationen und eine erste Windkraftanlage auf dem Birkenhof in Libbenchen. Sie verhalf dem preußischen Heer auch in den Kriegen zwischen 1864 und 1871 gegen Dänemark, Österreich und Frankreich zum Sieg. Sonst segensreiche Erfindungen wie Eisenbahn, Telefon usw. wurden umfunktioniert für den erfolgreichen Einsatz im Felde. Die Siege führten zur Einigung der Nation, zur Gründung des Kaiserreichs und zu einer Zeit allgemeinen Wohlstands. Kommunen und Vereine schufen hernach Denkmale, die nicht mehr nur Feldherren, sondern den „tapferen Söhnen, Soldaten, Helden“ gewidmet waren. Es waren meist Siegessymbole wie Obelisken, gekrönt von Adler, Lorbeerkranz und Siegesgöttin. Sie standen an zentraler Stelle auf öffentlichen Plätzen. In der letzten Schlacht des Zweiten Weltkriegs wurden sie geschleift und erst nach der Wiedervereinigung auf Initiative von Kirchen, Vereinen, Privatpersonen mancherorts restauriert.
Zu finden sind hier in jedem Ort Kriegerdenkmale des Weltkriegs 1914 -1918. Es war der erste Krieg, der mit der rücksichtslosen Wucht des technologischen Fortschritts geführt wurde und in monatelangen Material– und Stellungsschlachten Menschen tötete und versehrte. Deutschlands erfolgreiche Wirtschaft wollte Zollschranken überwinden und neue Rohstoffquellen erobern. Die Deutschen zogen „begeistert“ in diesen Krieg. Führende Intellektuelle, Hochschullehrer wie Max Planck und Otto Hahn, Nobelpreisträger wie Thomas Mann und Gerhard Hauptmann – aus unserer Region sind namhaft Klabund und Gustav Schüler – begrüßten die Kriegserklärungen. Insbesondere Gymnasiasten meldeten sich freiwillig. Dass die jungen Familienväter und hoffnungsvollen Söhne der Arbeiter, Handwerker und Bauern so begeistert waren, darf bezweifelt werden. Allein Deutschland verzeichnete 1918 ca. 2 Millionen tote Soldaten, 4,5 Millionen Kriegsversehrte, 700.000 getötete Zivilisten.  Die daheim Gebliebenen – sowohl  Privatpersonen als auch Kirchgemeinden, Städte, etc. – zeichneten schon 1914 Kriegsanleihen, spendeten auch Geld, zum Beispiel in Form von Nägeln für die sogenannten Nagelkreuze. Sie finanzierten so zu mehr als 60% diesen Krieg, von dem sie glaubten, dass er kurz und siegreich sein würde. Er hat ihnen in seinem Verlauf unerwartet nicht nur die Söhne und die geliebten Männer genommen, sondern auch Geld und Existenz. Um der Fassungslosigkeit angesichts der Schreckensnachrichten zu begegnen, richtete der wilhelminisch-preußische Staat 1916 Beratungsstellen für Kriegerehrung ein. Sie empfahlen, angesichts der schweren Stunden die Denkmale schlicht zu halten und außer den Tafeln mit den Namen der Gefallenen nur Symbole wie das Eiserne Kreuz, Stahlhelm, Krone, Schwert u. ä. zu zeigen.
Gerne wurden hier Findlinge verwendet. Selten konnte man sich einen Bildhauer leisten, der dann zum Beispiel die trauernde Frau oder den Gefallenen darstellte. Solche Denkmale entstanden meist auf den Friedhöfen oder in Parkanlagen, oft auch erst in den 20iger Jahren – dann expressionistisch den Krieg anklagend. Es sind für unsere kleinen Oderbruchdörfer entsetzlich viele Namen auf diesen Tafeln. Reiche Gemeinden schufen auch Heldenhaine mit Denkmalen. Sie waren nicht selten später Kultstätten der Nazis, wurden in der DDR-Zeit von der Natur übernommen, nach der Wiedervereinigung manchmal restauriert und dann auch wieder vandalisiert.
Der nur 20 Jahre später folgende Zweite Weltkrieg mit viel mehr Millionen getöteter Menschen und noch viel größerer Wucht der Waffen scheint das Leid derer, die vor hundert Jahren lebten, belanglos zu machen. Aber an diesen Krieg, der vor 69 Jahren unrühmlich zu Ende ging, erinnern hier neben den sowjetischen Ehrenmalen nur Sammelgräber und außerhalb der Ortschaften gelegene Kriegsgräberstätten. Er hat in seiner letzten Schlacht unsere ganze Region verwüstet.
In den vierzig folgenden Jahren war eine einseitige Erinnerungskultur vorgeschrieben. Es gab die Gedenkstätte in Seelow und in den Wäldern die von der Natur überwucherten Relikte der Kriegsmaschinerie, die nun wieder Gegenstand neuzeitlicher Archäologie sind. Man braucht heute einen kundigen Führer, um sich das Oderbruch hinsichtlich seiner Denkmale abseits von den Schlössertouren zu erschließen. Initiativen lokaler Vereine und Kirchen, manchmal mit der Förderung des Landes verdankt Brandenburg die restaurierten Kriegsdenkmale und einige Museen, zum Beispiel das Museum in Kummersdorf auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt und das riesige Gräberfeld in Halbe. Die Gebeine, die man noch heute im Oderbruch findet, werden vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge umgebettet, russische Soldaten nach Lebus, deutsche Soldaten nach Lietzen.
Die Wiedervereinigung Deutschlands schnitt Erinnerungen frei, sowohl in den Köpfen als auch in der Denkmalkultur. Das Denkmal sollte bei den Nachgeborenen Fragen aufwerfen. Wir können uns selbst nur begreifen, wenn wir uns in der Geschichte wiedererkennen.