Abenteuer Umzug - ein Erfahrungsbericht

Veröffentlicht: Samstag, 06. September 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Wie ich es schaffte, mich bei einem einzigen Umzug gleich mit zwei Firmen anzulegen.

 

Gleich bei der allerersten Berührung mit den Berliner Umzugsfirmen zeigte sich, wie überlaufen und wie rabiat diese Branche war. Auf einem der einschlägigen Internetportale hatte ich meine Umzugsabsicht signalisiert und dazu fatalerweise auch noch meine Telefonnummer angegeben. Daraufhin klingelte mein Telefon so penetrant, dass ich nicht mehr zum Arbeiten kam. Dutzende von Firmen boten mir traumhaft günstige Konditionen, wenn sie meinen Umzug übernehmen durften.

Es half nichts, dass ich noch am selben Tag verstört die Anzeige wieder löschte. Die Umzugsfirmen blieben am Drücker. Es war, als hätte ich einen Schwarm Fliegen aufgescheucht.

Vorsicht Umzug - überall lauern Fallstricke.Vorsicht Umzug - überall lauern Fallstricke.

Etwas kopflos holte ich nun also ein paar Angebote ein, arrangierte Besichtigungstermine, versuchte, mich zu orientieren. Als ich einen der Termine wieder absagen musste, reagierte der betreffende Unternehmer mit einem unbeherrschten Wutausbruch. „Sie sind ja bescheuert!“, schrie er ins Telefon. „Sie sind bescheuert, bescheuert, bescheuert!“ Das sind Töne, wie man sie üblicherweise im Geschäftsleben nicht zu hören bekommt.

  • Erste Pleite: Die Studenten

    Meine erste Wahl fiel auf ein studentisches Umzugsunternehmen. Nette junge Leute, günstige Preise, alles schien perfekt zu sein. Eine Woche vor dem Umzugstermin sollten die Transportkisten geliefert werden; das war Teil des per Mail geschlossenen Vertrages. Als die Kisten eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt noch nicht eingetroffen waren, rief ich den Leiter des Unternehmens an und erkundigte mich, was los sei. „Okay, ich frag mal, wo die mit den Kisten bleiben“, erklärte er lässig. „Ich ruf gleich zurück.“ Damit legte er auf und ließ nichts mehr von sich hören. Meine Anrufversuche wurden weggedrückt, meine Mails blieben ohne Antwort. Nach drei Tagen schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich offiziell den Ausstieg aus der Vereinbarung erklärte, die er so grob gebrochen hatte. Daraufhin kam endlich eine Reaktion: eine rüpelhaft-unverschämte Mail, die keinerlei Erklärung oder gar Entschuldigung enthielt. Zitat: „Machen Sie mal nicht so ein Riesen Drama aus der Sache wegen ihren Miniumzug von knapp 300 €. Sie müssen ja echt Langeweile haben.“

    Da stand ich nun, vier Tage vor dem Umzug, und hatte kein Transportunternehmen. Was war hier passiert – nur ein Studentenulk, eine Laune von unzuverlässigen, unverantwortlichen Kids, die keine Ahnung hatten, was ein Wohnungsumzug für den Normalbürger bedeutet? Nein, das war mehr. Es war der Geist der Umzugsbranche, einer Branche, die sich völlig außerhalb der mitteleuropäischen Normen wähnt. Die unbeherrschte Brüllerei des abgewiesenen Bewerbers und die rotzige Unverschämtheit der Studenten waren nur zwei von etlichen Erscheinungsformen, in denen dieser Geist sich zeigte. Das wurde mir klar, als ich in nun in aller Eile ein weiteres Umzugsunternehmen engagierte – und dabei gleich zum zweiten Mal ins Klo griff.

  • Zweite Pleite: Das Schlitzohr

    Nicht viele Bewerber waren bereit, mir in der bereits laufenden Woche einen Umzugstermin zu geben, und von diesen konnte und wollte ich nur den Allerbilligsten engagieren. Zeitdruck plus Sparzwang, das ergab eine äußerst fatale Kombination. Für sondierende Kennlerngespräche und sorgsame Erwägungen blieb keine Zeit; gleich am Telefon wurde der Preis bestimmt und ein Termin für die Übergabe der Umzugskisten anberaumt. Schon am nächsten Tag stand der Auserwählte mit vierzig Kisten vor meiner Tür. Es war ein Einzelunternehmer, wie sich so viele in der Branche tummeln, aus einem südlichen Land gebürtig; ich will ihn hier einfach „das Schlitzohr“ nennen. Am Telefon hatte er nett gewirkt, doch die persönliche Bekanntschaft weckte Zweifel an der Klugheit meiner Wahl. Mit einem Blick auf das Umzugschaos erkannte das Schlitzohr meine Lage und wusste sie für sich auszunutzen. Plötzlich stand ein ganz anderer Preis als der telefonisch vereinbarte im Raum. Endpreis? Hatte er wirklich Endpreis gesagt? Aber nein, da war natürlich der Bruttopreis gemeint. Die Mehrwertsteuer komme noch hinzu – ach, hatte er das nicht erwähnt? Aber bitte schön, wenn mir das nicht recht sei, er könne mit den Kisten auch gern wieder gehen.

    Es war vor allem der Anblick dieser Umzugskisten, der mich in die Knie gehen ließ. Seit Tagen kam ich mit dem Umzug nicht mehr weiter, weil mir Kisten zum Verstauen meines Hausrats fehlten. Wenn ich das Schlitzohr jetzt wieder ziehen ließ, verlor ich mindestens noch einen weiteren Tag. Wie sollte ich dann meinen Zeitplan halten? Ich gab also nach und setzte meine Unterschrift unter den Vertrag. Warum auch nicht? Das Schlitzohr mochte windig sein, doch wie die Dinge lagen, kam es nur noch darauf an, dass meine Siebensachen rechtzeitig von A nach B befördert wurden, und das sollte der Mann ja wohl schaffen.

    Doch dieses Kalkül erwies sich als falsch. Schon als der Umzugswagen auf der Bildfläche erschien, erfasste mich ein mulmiges Gefühl: War der nicht viel zu klein für mein Hab und Gut? Ach was, tönte das Schlitzohr, der reiche voll aus, ich würde staunen, was da alles reinging! Zwei Stunden später war klar absehbar, dass der Wagen nie und nimmer das ganze Umzugsgut fassen würde. Also zog mich das Schlitzohr auf den Balkon und erklärte, er müsse jetzt leider weg und bitte deshalb schon mal um die Bezahlung des Umzugs. Er strich das Geld ein und ließ mich mit seinen drei Angestellten allein. Die beluden zwar den Wagen bis unters Dach, doch etliche Möbelstücke blieben in der alten Wohnung zurück.

    Natürlich wollte ich das nicht hinnehmen. In den nächsten Tagen bombardierte ich das Schlitzohr mit Anrufen, berief mich auf den Umzugsvertrag und verlangte mit Nachdruck einen zweiten Transport. Das Schlitzohr hielt dagegen, ich hätte falsche Angaben zum Umfang des Ladeguts gemacht. Wenn ich einen zweiten Transport wolle, müsse ich ihn extra bezahlen. Abermals kam es zu einer unerquicklichen Feilscherei, und abermals zog ich dabei den Kürzeren: Ich zahlte extra für den zweiten Transport.

  • Dritte Pleite: Die Erpressung

    Doch sein wahres Gesicht zeigte das Schlitzohr erst, als ich Wochen später seinem Unternehmen eine schlechte Internet-Bewertung gab. Noch am selben Tag erreichten mich zwei wütende Mails: Wenn ich diese Bewertung nicht sofort zurückziehe, drohte das Schlitzohr, werde er mir eine Rechnung zukommen lassen! Was für eine Rechnung?, fragte ich mich. Und dann fiel es mir ein: die Szene auf dem Balkon, als das Schlitzohr mit dem Hinweis, er müsse jetzt weg, die sofortige Bezahlung des Umzugs verlangte. Der Umzug war in vollem Gange, alles musste sehr, sehr schnell gehen. Ich hatte ihm das Geld in die Hand gedrückt, ohne eine Quittung dafür zu verlangen. Dafür bekam jetzt ich die Quittung, für meinen Leichtsinn und für meine Dummheit: Das Schlitzohr machte seine Drohung wahr und schickte mir eine Rechnung über die gesamten Umzugskosten.

    Abermals war ich überrascht von dem rabiaten Potential, das die Branche der Umzugsunternehmer bereithielt. Ich hatte das Schlitzohr bisher durchaus nicht für kriminell, nur für windig gehalten. Doch mit Betrug und Erpressung hatte er die Grenze zur Kriminalität eindeutig überschritten, und er hatte das ohne Skrupel getan, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Würde er vor Gericht mit seiner Rechnung durchkommen? Ich glaubte es im Grunde nicht. Die Rechnung wurde immerhin erst einen Monat nach dem Umzug gestellt und war ganz offenkundig an die Drohmail und an die Forderung gekoppelt, die schlechte Bewertung zurückzuziehen. Doch keine Quittung heißt keine Quittung – ich konnte keineswegs sicher sein, wie ein Rechtsstreit ausgehen würde.

    Ich versuchte, mit dem Mann zu reden. Es kam zu mehreren Telefonaten, bei denen das Schlitzohr flehte und drohte. Die schlechte Bewertung schien für ihn eine wirkliche Geschäftsschädigung zu bedeuten; und wenn ich im Zuge eines Rechtsstreits den Erpesssungsversuch auch noch öffentlich machte, würde das sein Unternehmen vermutlich ernstlich in Frage stellen. Ich begann mich zu fragen, ob diese Bewertung soviel beiderseitigen Ärger wert war. Und am Ende entschloss ich mich, eine Eskalation zu vermeiden und die Bewertung zurückzuziehen.

    Die Entscheidung fiel mir schwer, denn es stand zu vermuten, dass das Schlitzohr nicht nur mich, sondern auch noch andere Kunden auf diese Art betrogen hatte. Und zweifellos würde er sich durch meinen Rückzieher ermutigt fühlen, diese Erpressungsmasche bei zukünftigen Kunden gleichfalls zu probieren. Dass mein Entschluss auch seinen Interessen entsprach – falls es denn so war und ich mir das nicht aus Bequemlichkeit einredete –, vermochte er wohl kaum zu begreifen. Er würde einfach einen Sieg darin sehen. Und trotzdem mag ich mir nur ungern vorstellen, wie mein Sieg in dieser Sache ausgesehen hätte.

    So wurde mir der Umzug zur doppelten Pleite und hinterließ einen doppelt üblen Nachgeschmack. Ich hoffe, dass ich nicht so bald wieder mit der Umzugsbranche zu tun haben werde. Wenn aber doch, habe ich viel gelernt.

  • Lesen Sie zum Thema auch den Ratgeber-Artikel "Umzugsbetrüger - Begegnung mit ener gefährlichen Branche".