Nonnen am Himalaya - ein Wiedersehen mit "Black Narcissus"

Veröffentlicht: Sonntag, 26. April 2015 Geschrieben von Tanja Stern
Der englische Spielfilm "Black Narcissus" aus dem Jahre 1947 erzählt eine abwegige Geschichte: von einer Gruppe Nonnen, die am Himalaya eine Mission errichten - bis eine von ihnen sich verliebt und darüber dem Wahnsinn verfällt...

 

Eines der Highlights auf der Berlinale 2015 war die Technicolor-Retrospektive, die ein Wiedersehen mit vielen schönen alten Farbfilmen verhieß. Ich wählte „Black Narcissus“, einen englischen Film von 1947, den ich Jahrzehnte lang nicht mehr gesehen hatte. Die vielgerühmten Technicolor-Effekte auf der großen Kinoleinwand ließen mich kalt; ich begreife gar nicht, dass man sich einen Film um solcher Effekte willen ansehen kann. Mir hätte es vollauf genügt, das Werk, an das ich aus meiner Jugend eine lebhafte Erinnerung bewahrte, am heimischen Fernsehgerät zu sehen. Leider werden solche edlen alten Perlen von Fernsehprogrammgestaltern kaum mehr entdeckt. Die Klassikpflege des deutschen Fernsehens ist auf ein sehr dürftiges und einfallsloses Repertoire beschränkt.

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Der Dirigent und die Macht: Erinnerung an Fritz Busch

Veröffentlicht: Samstag, 04. April 2015 Geschrieben von Tanja Stern
Der Dirigent Fritz Busch war weder Jude noch Kommunist - nur ein verantwortungsbewusster Deutscher, der die Nazis primitiv und gefährlich fand. Dafür verjagten sie ihn von seinem Posten als Generalmusikdirektor der Staatskapelle Dresden.

 

Große Dirigenten des 20. Jahrhunderts – welche Namen fallen uns da ein? Karajan natürlich, Karl Böhm, gewiss, vielleicht noch Furtwängler, Klemperer, Bruno Walter… Aber Fritz Busch? Der ist, zumindest in Deutschland, heute so gut wie vergessen. Dabei stand er einst zusammen mit all denen, deren Nachruhm bis heute fortwirkt, in der ersten Reihe unter den bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten Deutschlands. Doch er zog es vor, Deutschland zu verlassen, als die Nazis an die Regierung kamen. Das Rückgrat, das er vor der braunen Macht bewies, sollte ein Grund sein, warum wir ihn bewundern – doch tatsächlich ist es der Grund, warum wir ihn heute kaum noch kennen. Dieser Aufsatz will an ihn erinnern.

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Das ewig junge Mädchen: Deanna Durbin

Veröffentlicht: Donnerstag, 12. März 2015 Geschrieben von Tanja Stern
Deanna Durbin war in den 1940er Jahren eine der beliebtesten und höchstbezahlten Schauspielerinnen in Hollywood. Doch schon mit 27 Jahren zog sie sich ins Privatleben zurück.

 

Sie war das Mädchen mit der hübschen Sopranstimme, das Mädchen mit dem reinen Blick, das Mädchen mit der frischen, notorisch unschuldigen Ausstrahlung. Ja, nur als Mädchen erscheint sie auf der Leinwand; es gibt keine Altersrollen von ihr. Schon 1948, mit gerade 27 Jahren, zog sie sich aus dem Filmgeschäft zurück und war zu keinem Comeback zu bewegen.

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Sensibler Ästhet und überzeugter Nazi: der Autor Ottfried Graf Finckenstein

Veröffentlicht: Freitag, 27. Februar 2015 Geschrieben von Tanja Stern
Ottfried Graf Finckenstein war während des Dritten Reiches ein gefeierter Autor, doch das macht ihn nicht automatisch zum primitiven Apologeten der Naziideologie. Interessant ist vielmehr die Frage, wie er in diese Rolle hineingeraten konnte.

 

Auf den ersten Blick scheint Ottfried Graf Finckenstein ein klarer Fall: ostpreußischer Blut-und-Boden-Autor, Apologet der Naziideologie, einer jener üblen Hofberichterstatter, die ihren Geist und ihre Feder beflissen in den Dienst der braunen Machthaber stellten. Allein schon das bibliografische Verzeichnis, das Finckensteins Tochter Maria in mühevoller Recherche zusammengetragen hat, stellt dem Mann ein wenig einladendes Zeugnis aus.

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Die Frau, die niemals wiederkehrte: Edeltraud Eckert

Veröffentlicht: Sonntag, 06. Juli 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Edeltraud Eckert verteilte Flugblätter, auf denen freie Wahlen und demokratische Rechte gefordert werden. Dafür wurde sie 1950 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis begann sie Gedichte zu schreiben.

 

Sie war begabt, soviel kann man sagen. Sie war nicht genial, und sie hat in den 25 Jahren, die sie auf der Erde weilte, kein bedeutendes, bleibendes Werk hinterlassen. Hätte sie weitergelebt, so wäre sie vielleicht zu einer großen Lyrikerin gereift. Aber vielleicht hätte sie die Schreiberei auch aufgegeben, einen bürgerlichen Beruf ergriffen, Kinder großgezogen und zwischen Arbeits- und Familienalltag ihre künstlerischen Ambitionen vergessen, wie es so vielen begabten Menschen geschieht. Wir werden es niemals erfahren; doch gerade diese Potenz, diese spürbare, noch unentfaltete Begabung gibt dem frühen Tod der Edeltraut Eckert seine ganz besondere Tragik.

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Der Sieger nimmt alles - Djacenko kontra Strittmatter

Veröffentlicht: Montag, 02. Juni 2014 Geschrieben von Tanja Stern
In den 1950er Jahren wagte es der Autor Boris Djacenko, die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten zu thematisieren. Die Literaturszene gab ihm einen Tritt, und auch sein Freund Erwin Strittmatter ließ ihn fallen.

 

Boris Djacenko habe ich nie gelesen, weder die Romane und Erzählungen der Frühzeit noch die Krimis, die er später unter dem Pseudonym „Peter Addams“ schrieb, nachdem seine Karriere als „seriöser Autor“ in der DDR gescheitert war. Die Öffentlichkeit kennt ihn heute nicht mehr, und die Literaturwissenschaftler, die sich von Amts wegen mit ihm befassen, bezeichnen ihn als mittelmäßigen Autoren. Ich muss mich auf dieses Urteil verlassen.

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Die Revolution der Biedermänner - "Wilhelm Tell" im Herbst 89

Veröffentlicht: Donnerstag, 03. April 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Im heißen Herbst 1989 brachte Christoph Schroth in Schwerin Schillers "Wilhelm Tell" auf die Bühne - und plötzlich war es kein öder Klassiker mehr, sondern ein brisantes DDR-Gegenwartsstück.

 

Ich bin zwar eine große Schiller-Verehrerin, doch den „Wilhelm Tell“ hatte ich immer für das schlechteste aller Schiller-Dramen gehalten. Nein, nicht wirklich für schlecht, aber – es war so bieder. Wackere Helden, treusorgende Frauen, ein naives Weltbild von Guten und Bösen, und dann noch diese ständigen Kalendersprüche, die von den Figuren abgesondert werden! Statt menschlicher Abgründe gab es nur die Schluchten der idyllischen Schweizer Berge. Keine Grübler, keine Zweifler, keine Verräter.

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Carson McCullers, die einsame Jägerin

Veröffentlicht: Sonntag, 02. März 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Carson McCullers steht im Schatten der großen Südstaaten-Autoren wie Faulkner oder Capote. Aber das hat sie nicht verdient, denn ihre Texte, realistisch und doch sonderbar romantisch entrückt, sind bis heute faszinierend. Der Titel ihres ersten Romans "Das Herz ist ein einsamer Jäger" ist bezeichnend für ihr Leben und Werk.

 

Sie wuchs auf in einer verschlafenen Kleinstadt des amerikanischen Südens, ganz wie eine jener fragilen, hochsensiblen Mädchenfiguren, die sie später in ihren Romanen beschrieb. Über ihrer Kindheit lag die Trägheit des Südens, die Armut, die Hitze, die Einsamkeit; doch jenseits all dessen erschuf sie sich eine innere Welt der Poesie und Musik.

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Die Trifonows und das Haus an der Moskwa

Veröffentlicht: Samstag, 01. Februar 2014 Geschrieben von Tanja Stern
Das "Haus an der Uferstraße" wurde Ende der 1920er Jahre für hohe Moskauer Parteifunktionäre gebaut. Auch die Familie des Bürgerkriegshelden Valentin Trifonow wohnte dort. 1938 wurde er verhaftet und hingerichtet. Sein Sohn, der Schriftsteller Juri Trifonow, hat das Schicksal seines Vaters und des Hauses an der Uferstraße beschrieben.

 

Valentin Trifonow war ein Altbolschewik, ein Haudegen aus den glorreichen Zeiten der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs – zu DDR-Zeiten hätte man gesagt: ein Held. Er hatte an beiden russischen Revolutionen, 1905 und 1917, aktiv teilgenommen, war ein namhafter Offizier in der Roten Armee und im Revolutionären Kriegsrat gewesen und hatte die Partei der Bolschewiki, der er seit frühester Jugend angehörte, auf verschiedenen führenden Posten als Politiker vertreten. Natürlich wurde er dafür vom sowjetischen Staat mit Ehren und Auszeichnungen überhäuft. Zu seinen Privilegien gehörte auch eine Wohnung im „Haus an der Moskwa“.

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Biermann und Neuss - zwei deutsche Störenfriede im Konzert

Veröffentlicht: Montag, 30. Dezember 2013 Geschrieben von Tanja Stern
Sie waren beide Störenfriede, Wolf Biermann im Osten, Wolfgang Neuss im Westen. 1965 kam es zu einem gemeinsamen Konzert in Frankfurt, dessen Mitschnitt Kultstatus erlangte - lange bevor Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR das SED-System erschütterte und lange bevor Wolfgang Neuss in der Drogensucht versank.

 

Der eine war Kommunist, der andere skeptischer Sozialdemokrat. Der eine schrieb poetische Lieder, der andere bissige Kabarettsketche. Doch eines hatten sie gemein: Sie waren in den 1960er Jahren die großen Störenfriede der Gesellschaft, Wolf Biermann im Osten, Wolfgang Neuss im Westen. Als sie 1965 in Frankfurt aufeinandertrafen, hatten sie beide schon mit Fleiß dieses Störenfried-Image kultiviert und sich damit einen Namen gemacht.

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Krimi mit zwei Schlüssen: "Das Versprechen" von Dürrenmatt

Veröffentlicht: Donnerstag, 31. Oktober 2013 Geschrieben von Tanja Stern
Viele Prosa-Autoren wären glücklich, wenn es nur eine einzige gelungene Verfilmung ihrer Werke gäbe. Zu Friedrich Dürrenmatts Meisterkrimi „Das Versprechen“ von 1958 gibt es – neben etlichen schlechten – sogar gleich zwei gute Filmversionen. Sie sind so unterschiedlich, wie Filme nur sein können, und sie sind beide nicht als Verfilmungen im klassischen Sinne zu betrachten.

 

Der erste ist „Es geschah am helllichten Tag“ in der Regie von Ladislao Vajda. Er entstand 1958, im selben Jahr wie „Das Versprechen“, doch er ist nicht der Film zum Buch, sondern umgekehrt: „Das Versprechen“ ist das Buch zum Film, und mehr als das Buch – der Kommentar zum Film, die Variation zum Film, im Endeffekt fast die Negation des Films. Friedrich Dürrenmatt hatte 1957 gemeinsam mit Ladislao Vajda und Hans Jacoby das Drehbuch für einen Kriminalfilm verfasst; vorgegeben war, es solle um Sexualdelikte an Kindern gehen. Nach zahlreichen Querelen und Verzögerungen kam das Filmprojekt tatsächlich zustande, doch es befriedigte den Autor nicht: zu glatt, zu nett, zu positiv.

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Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.

Veröffentlicht: Freitag, 27. September 2013 Geschrieben von Tanja Stern

Die Geschichte des Edgar Wibeau ist von der Form her ein sonderbarer Hybrid aus Filmscript, Theaterstück und Prosaerzählung. Es gibt wohl keinen zweiten Stoff in der Geschichte der Literatur, der sich so quecksilbrig schlingernd zwischen den Genres seinen Weg zum Erfolg gebahnt hat.

 

Diese Unbestimmtheit der Form ist kein Zufall, sondern hängt unmittelbar mit den Bedingungen zusammen, unter denen das Werk entstand. Der Autor Ulrich Plenzdorf sah sich selbst reinen Filmszenaristen an. Er wollte immer Filmtexte schreiben, sonst nichts, ließ er in einem Interview verlauten; alles, was er in anderen Genres verfasste, sei nur deshalb entstanden, weil es sich als Film nicht realisieren ließ. Ein Mann des Films also, der prekärsten, teuersten und abhängigsten aller Künste, und das auch noch in der DDR, dem ideologisch verklemmtesten Land der Welt.

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