Tod und Verklärung der Renate Müller

Veröffentlicht: Dienstag, 31. Oktober 2017 Geschrieben von Tanja Stern

Es ging alles sehr schnell im Leben der Schauspielerin Renate Müller: Mit 18 debütierte sie am Theater. Mit 25 gelang ihr der Durchbruch zum Filmstar. Und mit 31 war sie tot. Sie stürzte aus dem Fenster ihrer Dahlemer Villa – Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Diese Krimifrage führte im Fall Renate Müller zum Entstehen einer noblen und politisch korrekten Legende, die sie zum tragischen Naziopfer stilisierte.

Renate Müllers Weg zum Ruhm verlief denkbar geradlinig und komplikationslos. Sie verlebte eine glückliche Kindheit in einem liberalen und wohlhabenden Elternhaus. Ihre Mutter war Malerin, ihr Vater Historiker und Journalist. Er arbeitete in führender Position für verschiedene Zeitungen und Verlagshäuser, erst in München, später in Danzig und Berlin, so dass die Familie mehrfach umziehen musste; doch die hübsche und aufgeweckte Renate war in jeder neuen Umgebung bald heimisch und bei ihren Mitmenschen beliebt. Sie erhielt eine gute Schulausbildung und wuchs in einer heiter-freigeistigen Atmosphäre auf, die Abendgesellschaften, schöne Reisen und jede Menge Kultur umfasste.

Renate liebte besonders die Musik. Schon früh stand ihr Berufswunsch fest: Opernsängerin wollte sie werden! Mit Feuereifer nahm sie Gesangsunterricht, übte zum Leidwesen der Familie tagtäglich alle Tonleitern rauf und runter. Mittlerweile lebten die Müllers in Berlin, wo der Vater eine Stellung beim "Berliner Tageblatt" innehatte. Eine Bekannte riet der jungen Renate, nicht nur Musik, sondern ergänzend auch Schauspiel zu studieren; Gestaltungsvermögen sei unerlässlich im Zeitalter der modernen Opernregie. Renate folgte dem Rat und bewarb sich an der Max-Reinhardt-Schauspielschule. Sie wurde auf Anhieb angenommen und galt schon nach wenigen Wochen als eine der hoffnungsvollsten Schülerinnen. Vergessen war die Oper – Renate wollte nur noch spielen, spielen, spielen. Und das war eine gute Entscheidung, denn sie hatte zwar eine recht hübsche Stimme, die auch später im Film oftmals eingesetzt wurde, doch für die Oper hätte sie wohl kaum gereicht.

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    Blonder Filmstar: Renate Müller (1906-1937)Blonder Filmstar: Renate Müller (1906-1937)Beim Schauspiel aber kam sie sehr gut an. Das Geheimnis ihres Erfolges war nicht außergewöhnliche Schönheit oder herausragende Begabung – in hochdramatischen Szenen stieß Renate schnell an ihre schauspielerischen Grenzen –, es war einfach ihre natürliche und sympathische Ausstrahlung, die ihr die Herzen der Zuschauer gewann. Für die damalige Zeit verkörperte sie einen angenehm modernen Mädchentyp: liebreizend, ohne frivol zu wirken, gescheit, ohne intellektuell zu wirken, eine normale junge Frau mit Herz und Verstand.

    Erste kleinere Rollen an verschiedenen Berliner Theatern absolvierte die Achtzehnjährige mit Bravour, und es dauerte kaum ein Jahr, bis auch die großen Regiestars der 1920-er Jahre auf das junge Mädchen aufmerksam wurden. Renate spielte unter Meisterregisseuren wie Jessner, Fehling oder Erich Engel, sie spielte eine Rolle nach der anderen, Klassik und Moderne, Komödie und Tragödie, seichte Possen und philosophische Experimentalstücke, das ganze kunterbunte Repertoire der wilden 1920-er Jahre. "Diesen Namen wird man sich merken müssen – Müller", konstatierte mit trockenem Humor Alfred Kerr, der damalige Kritikerpapst – ein Ritterschlag für die junge Schauspielerin. Übrigens stand sie zu ihrem Allerweltsnamen Müller, der ja auch ihrem Image als nettes Mädchen von nebenan entsprach, und weigerte sich noch Jahre später als Filmstar, ihn durch einen klangvolleren zu ersetzen: "Entweder ich kann was, oder ich kann nichts, dann hilft mir auch der schönste Künstlername nichts."

    Schon hatte sich Fräulein Müller in der Berliner Schauspielerriege einen Namen gemacht, als ihr 1928 eine erste Filmrolle angeboten wurde – in einem Stummfilm, wohlgemerkt, der Tonfilm hatte sich noch nicht etabliert. Trotzdem galt der Film allenthalben als neues, aufregendes Medium, und Renate Müller griff begeistert zu, als man ihr die Chance gab, es auszuprobieren. Sie hatte auch hier sofort Erfolg, und weitere Angebote folgten. Allmählich setzte sich der Tonfilm durch, so dass Renate zunehmend ihre Stimme und ihr Gesangstalent einsetzen konnte. Schon bald stand für sie fest, dass der Film ihr eigentliches Medium war und dass sie dem Schauspiel Valet sagen wollte. Renate Müller war Perfektionistin; beim Theater litt sie schwer an Lampenfieber und grämte sich nächtelang, wenn ihr ein Versprecher unterlief. Beim Film konnte sie halbwegs stressfrei arbeiten, konnte misslungene Aufnahmen wiederholen. Und sie hatte die Chance, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland bekannt zu werden. Also gab sie ihre Theaterrollen ab und warf sich ganz dem Film in die Arme.

    Auch das erwies sich als gute Entscheidung, denn schon 1931 gelang Renate Müller mit der musikalischen Komödie "Die Privatsekretärin" der endgültige Durchbruch zum Ufa-Filmstar. Die Hauptrollen waren eigentlich Lilian Harvey und Willy Fritsch auf den Leib geschrieben worden, doch das damalige "Traumpaar des deutschen Films" zog andere Termine vor und stand zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht zur Verfügung. Pech für Lilian Harvey – Glück für Renate Müller. Der Film wurde ein Riesenerfolg, und der Schlager "Ich bin ja heut so glücklich, so glücklich, so glücklich", den Renate als verliebte Privatsekretärin zu trällern hatte, erlangte deutschlandweite Popularität. Mehr noch: Von dem Film wurde eine englische ("Sunshine Susie") und eine amerikanische Fassung ("The Office Girl") gedreht, erstere gleichfalls mit Renate in der Hauptrolle und in England sehr erfolgreich, so dass man sich fortan den Namen Müller auch auf internationaler Ebene merkte.

    Nun folgte ein Rollenangebot dem anderen, Renate drehte drei, vier Filme pro Jahr und war eine der bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Damals wurden die Darsteller, speziell beim Film, schnell auf bestimmte Typen festgelegt, und Renate Müller war von Anfang an für das heitere Genre programmiert, das in der Filmproduktion jener Jahre auch den breitesten Raum einnahm. Vorzugsweise spielte sie moderne und berufstätige junge Frauen, die nach mancherlei Liebeswirren den richtigen Mann zum Heiraten fanden. Dieser wurde meist von Adolf Wohlbrück verkörpert, so dass sich hier ein ähnlich schematisches "Traumpaar des deutschen Films" etablierte wie Lilian Harvey und Willy Fritsch. Gern wurde in diesen Filmen musiziert, nicht nur mit gelegentlichen Schlagereinlagen, sondern vielfach auch mit komponierten und gereimten Dialogen. Renate Müller bekam reichlich Gelegenheit, ihre Gesangskünste vorzuführen. Unter den Filmen, die sie drehte, ist kein Meisterwerk, das ihren Nachruhm zementieren könnte, doch einige ihrer Komödien haben immerhin einen gewissen filmhistorischen Stellenwert. "Viktor und Viktoria" beispielsweise gilt heute als Urmutter der Genderkomödie.

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    Frau als Mann mit Sockenhaltern: Renate Müller in "Viktor und Viktoria" (1934)Frau als Mann mit Sockenhaltern: Renate Müller in "Viktor und Viktoria" (1934)Hätte Renate nicht glücklich sein müssen, so glücklich, so glücklich, wie sie sich einst als "Privatsekretärin" pries? Binnen weniger Jahre hatte sie all das erreicht, was sie sich als Theateranfängerin erträumte: Sie war berühmt, sie verdiente viel Geld, sie bewohnte ein schönes Haus in Dahlem, nahm an großen Bällen und Gesellschaften teil… Doch wie so oft im Leben von Künstlern stand auch hier der äußere Aufstieg in gefährlichem Kontrast zur inneren Befindlichkeit. Renate Müller hatte ihre Karriere als genau das nette, fröhliche, charismatisch normale junge Mädchen begonnen, das sie in auf der Leinwand so erfolgreich verkörperte. Doch allmählich entfernte sich die Darstellerin immer weiter von ihrer Figur. Schwer zu sagen, wann und wie ihre Probleme begannen. Schon Anfang der 1930-er Jahre wurde ihr nach einer gynäkologischen Operation, wie damals üblich, zur Schmerzstillung Morphium verabreicht, von dem sie seither trotz mehrerer Entziehungskuren nicht mehr loskam. Bald war ihr Schlaf-Wach-Rhythmus gestört, so dass sie weitere Mittel benötigte, Aufputschmittel, damit sie die harten Drehtage in Babelsberg durchstehen konnte, und Schlafmittel, um nachts wieder herunterzukommen. Renate Müller arbeitete exzessiv; wenn man die lange Liste ihrer Filme zur Kürze ihres Lebens in Beziehung setzt, muss man sie fast schon für einen Workoholic halten. Meist stand sie in aller Frühe auf und verbrachte den ganzen Tag am Set. Doch auch zwischen den Filmaufnahmen hatte sie einen vollen Terminplan: Drehbuchbesprechungen, Gesangsübungen, Sprachunterricht, Korrespondenzen, Reisen, Vertragsverhandlungen… Dazu kam ein reges gesellschaftliches Leben. Renate Müller wurde häufig zu den Partys und Empfängen der Filmwelt geladen, wo der Alkohol in Strömen floss, und sie ließ sich zum Mittrinken nicht lange bitten.

    Mit einem Wort: Renate führte ein Leben auf der Überholspur, und das zehrte natürlich an ihrer Substanz. Erst war es der Ehrgeiz der Anfängerin, der sie unermüdlich vorwärts trieb. Dann forderte der Starruhm seinen Preis in Form von tausendfältigen Verpflichtungen. Es war offenbar besonders dieser Starruhm, mit dem Renate nicht gut umgehen konnte. Ständig im Rampenlicht zu stehen, ist selbst für einen gesunden Menschen eine schwere nervliche Belastung; und wenn dazu noch der Druck kommt, sich "zusammenzureißen", sich "nichts anmerken zu lassen", kann sie schnell unerträglich werden.

    Renate versuchte, wie viele Schauspieler, ihre Nerven mit Alkohol zu betäuben, doch damit schuf sie sich nur ein weiteres Problem. Irgendwann war sie vom Schnaps genauso abhängig wie von ihren diversen Tabletten und Drogen. Eine leichte Neigung zur Epilepsie wurde durch den exzessiven Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum verhängnisvoll gefördert. Renate brach mehrmals am Set zusammen; Rollen, für die sie vorgesehen war, mussten anderweitig vergeben werden. 1934 schmiss Renate der Ufa einen Film, indem sie sich plötzlich krank meldete und zu den Aufnahmen nicht mehr erschien. Die Ufa, die dadurch viel Geld verlor, kündigte Renate fristlos den Vertrag. Wilde Gerüchte kursierten in Berlin über die mysteriösen Zustände der populären Schauspielerin.

    Renate kam bei der Tobis unter. Mit Therapien und Klinikaufenthalten kämpfte sie gegen ihre Krankheiten an. Doch das Filmen konnte und wollte sie nicht aufgeben, schon aus finanziellen Gründen nicht, denn obwohl sie zeitweise viel Geld verdiente, hatte sie horrende Schulden, teils weil sie nicht wirtschaften konnte, doch teils wohl auch aufgrund ihrer teuren Laster. Also drehte sie weiter einen Film nach dem anderen; doch was in den ersten Jahren ihre Freude und Lebenserfüllung war, wurde ihr jetzt zu einer permanenten Qual. Schnell steckte sie wieder im Teufelskreis von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln. Ihren Kollegen und Freunden fiel auf, wie ausgebrannt und depressiv sie wirkte, welche Mühe es sie kostete, die langen Drehtage durchzustehen. Der Filmregisseur Wolfgang Schleif schildert in einer eindrucksvollen Momentaufnahme seiner Memoiren, wie Renate Müller hohläugig und von zwei Bühnenarbeitern gestützt durch die Kulissen zum Drehplatz wankte. Am Ende stellte die Tobis eigens eine Krankenschwester für sie ein, die sie während der Drehtage zu begleiten und medizinisch zu betreuen hatte. Insbesondere sollte sie darüber wachen, dass Renate wenigstens am Set nicht trank. Unter solchen Umständen wurde vor der Kamera weiterhin die äußere Hülle der munteren, agilen und sympathischen jungen Frau abgelichtet, die Renate einmal war, während in der Hülle nur noch ein menschliches Wrack stak. Es war lediglich eine Frage der Zeit, wann auch der Körper den Dienst versagte.

    Wahrscheinlich stand sie unter Alkohol und/oder Drogen, als sie im September 1937 aus dem Fenster im ersten Stock ihres Hauses in Berlin-Dahlem stürzte. Ihre Kollegin und Freundin Sybille Schmitz fand sie bewusstlos im Garten liegend. Renate wurde in eine Klinik gebracht und schien sich langsam wieder zu erholen. Doch etwa zwei Wochen nach dem Sturz erlitt die kaum Genesene plötzlich einen schweren epileptischen Anfall mit stundenlangen konvulsivischen Krämpfen, gegen die kein Mittel half. Am 7. Oktober 1937 war sie tot – eine jener tragischen Künstlergestalten, die einen allzu frühen Ruhm mit einem allzu frühen Tod bezahlen müssen.

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    Das könnte schon die ganze Geschichte der Renate Müller sein, und de facto ist sie es vermutlich auch. Doch die bizarren Umstände ihres Lebensendes, verbunden mit ihrem Prominentenstatus und ihrer Involviertheit in die damals tonangebende Künstlerszene Deutschlands, ließen von Anfang an die Gerüchteküche brodeln. War ihr Tod wirklich nur ein dummer Unfall gewesen? Man munkelte von einem Selbstmordversuch, von einem mysteriösen Mordanschlag gar. Hinzu kam, dass Renates Familie mit Vehemenz darauf bedacht war, ihr Andenken ins beste Licht zu rücken und alles unter der Decke zu halten, was hätte fragwürdig erscheinen können. Insbesondere Renates Schwester Gabriele Müller, ihres Zeichens Journalistin, war weit mehr auf den guten Ruf der Toten als auf die historische Wahrheit bedacht. Als die Ufa 1960 das Leben der Renate Müller verfilmte, prozessierte Gabriele verbissen gegen den Produzenten Artur Brauner, um zu verhindern, dass der Film auch die Alkoholsucht ihrer Schwester thematisierte. Mit einem Wort, Gabriele Müller trat auf, wie üblicherweise die Witwen großer Männer aufzutreten pflegen, diese Plagen der Historiker, die mit eifersüchtiger Loyalität jede wahrheitsgetreue Darstellung eines berühmten Toten torpedieren.

    Die Folge war, dass aus der weihevollen Hofberichterstattung der Familie, aus Gerüchten und Halbwahrheiten nach dem Krieg eine wilde Geschichte über Renate Müller entstand, die von Hitler, Goebbels und von einer großen unerfüllten Liebe handelt. Dieser Geschichte zufolge hat Renates Unglück darin bestanden, Hitlers Lieblingsschauspielerin gewesen zu sein. Kaum an der Macht, wollte er sie kennenlernen, worauf Goebbels versuchte, sie mit ihm zu verkuppeln. Renate aber verweigerte sich mutig und zog damit den unversöhnlichen Hass der braunen Machthaber auf sich. Fortan wurde sie von Goebbels gnadenlos verfolgt, bespitzelt und schikaniert. Schnell fand er heraus, dass sie einen nicht hinnehmbaren Geliebten hatte: Georg Deutsch, Sohn eines jüdischen Bankiers und seit der Machtergreifung Hitlers im englischen Exil lebend, wo Renate Müller ihn mehrmals besuchte. Goebbels schäumte, setzte alles daran, die Liebenden voneinander zu trennen. Er ließ Renate Müller den Pass wegnehmen, so dass sie in Deutschland eingesperrt war. Auch zwang er sie, in dem propagandistischen Hetzfilm "Togger" mitzuspielen. Die ständigen Schikanen und Reglementierungen, denen Renate sich ausgesetzt sah, trieben die Ärmste dem Alkohol zu, und das Herzeleid über die Trennung von der großen Liebe ihres Lebens tat ein Übriges, sie zu zerbrechen.

    Soweit die offizielle Version, die man in fast von allen Biographien und Berichten über Renate Müller findet. Zwar gibt es für diese Version kaum dokumentarische Belege, doch das muss ja noch nicht heißen, dass sie falsch ist. Liebeshändel dokumentiert man nicht, und Gesinnungen dokumentiert man schon gar nicht – man wird sich sogar hüten, sie zu dokumentieren, wenn sie im Widerspruch zu einem diktatorischen Regime stehen, in dem man lebt. In diesem Fall aber wird die Legende so durchsichtig von dem Zweck regiert, politische Korrektheit herzustellen, dass man nur staunen kann, wie selbst seriöse Historiker sie ungeachtet aller Widersprüche und logischen Löcher so kritiklos übernehmen und erhalten konnten.

    Doch der Reihe nach: Ist es glaubhaft, dass Goebbels versuchte, Renate Müller mit Hitler zu verkuppeln – dass also Hitler darauf aus war, sich verkuppeln zu lassen? Klares Nein. Selbst wenn Renate Müller Hitlers Lieblingsschauspielerin war – was man natürlich gerne glaubt –, so folgt daraus noch lange nicht, dass er eine Beziehung, welcher Art auch immer, zu ihr anknüpfen wollte. Wie man weiß, war Hitler extrem bindungsscheu und alles andere als ein Womanizer. Zum fraglichen Zeitpunkt war er gerade frisch mit Eva Braun liiert, und an Verehrerinnen litt er keinen Mangel. Es ist nicht bekannt und äußerst unwahrscheinlich, dass er sich von Goebbels Frauen zuführen ließ.

    Dagegen war Goebbels selbst notorisch hinter jungen Schauspielerinnen her, und die blonde, attraktive Renate Müller passte genau in sein Beuteschema. Hätte er sie angegraben und sich einen Korb geholt, so wäre ohne Weiteres glaubhaft gewesen, dass er sie hasste und verfolgte. Aber so scheint die Sache nicht gelaufen zu sein. Aus Goebbels' Tagebuchnotizen zur Person der Renate Müller spricht erstaunlicherweise weder Lüsternheit noch Hass. In ihrem letzten Jahr, als es so schlimm um sie stand, äußert er vielmehr Mitleid und den Wunsch, ihr zu helfen. Einmal muss sie sich sogar bei ihm ausgeheult haben. ("Renate Müller erzählt mir ihre Leidengeschichte. Sie ist eine kranke Frau.") Die Nachricht von ihrem Tod kommentiert er mit aufrichtig wirkendem Bedauern. Die Behauptung, er hätte sie als eine Regimegegnerin angesehen und deshalb mit Schikanen verfolgt, wirkt in Anbetracht dieser Fakten völlig aus der Luft gegriffen.

    Das führt uns zu der Frage, ob Renate Müller tatsächlich eine Regimegegnerin war; und auch hier ist die Antwort ein klares Nein. Nicht dass sie das Regime befürwortet hätte, sie erscheint einfach als der Prototyp eines politisch völlig desinteressierten Menschen. Diese Frau hatte den Kopf so voll mit Kostümen, Rollen, Masken, Texten, dass sie offenbar kaum bemerkte, wer draußen in der wirklichen Welt gerade regierte. Nahezu jede Äußerung, die von ihr überliefert ist, bezieht sich auf Filme, Kollegen oder Drehorte. Nach den ideologischen Hintergründen ihrer Rollen hat sie kaum gefragt. Sie spielte alles, wie es gerade kam, ob "Togger" oder "Viktor und Viktoria". Niemand brauchte sie von außen zu zwingen, eine Rolle zu übernehmen. Ihr eigener Ehrgeiz, ihre Arbeitswut und später ihre Schulden waren Zwang genug.

    Nun ließen sich die Nazis nicht so einfach ignorieren wie die Regierung der Weimarer Republik. Sie machten herrisch ihre Ansprüche geltend, verlangten ständig Ergebenheitsadressen. Jeder Schauspieler, der auf deutschen Leinwänden agierte, musste einen "Ariernachweis" vorlegen, auch die viel beschäftigte Renate Müller, die doch gar keine Zeit für solchen Schnickschnack hatte. Dass man deswegen immer wieder mahnte, hat sie zweifellos genervt, aber nicht weil sie von dem Arierwahn der Nazis abgestoßen war, sondern weil sie sich ständig auf penetrante Art und Weise daran erinnert sah. Ein andermal beschwerte sich ein patriotisch gesinnter Nachbar, er hätte an Hindenburgs Begräbnistag laute Unterhaltungsmusik aus Renate Müllers Haus gehört; und auch darauf musste sie ärgerlicherweise reagieren und sich verteidigen. Allerdings, Renate wurde von den Nazis schikaniert, doch ganz im Rahmen der Schikanen, die eine junge, siegestrunkene Diktatur all ihren Bürgern auferlegt. Sie wurde auch polizeilich bespitzelt, sicherlich massiver als andere aufgrund ihrer Prominenz und ihrer häufigen Auslandskontakte. Vielleicht sah Goebbels die Gefahr, dass sie, wie so viele ihrer Kollegen, Deutschland den Rücken kehren könnte.

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    Da konnte er allerdings ganz beruhigt sein – Renate Müller hat eine Emigration, soweit man weiß, zu keinem Zeitpunkt erwogen, und das ist ein Punkt, der ihre politisch korrekten Biographen nicht wenig in Verlegenheit bringt: In Deutschland verfolgt sie der böse Goebbels, in England winkt das Glück der großen Liebe, da kann die Wahl doch nicht so schwer fallen. Dass Renates Karriere oder gar ihre Existenz gefährdet gewesen wäre, wenn sie Deutschland verlassen hätte – wie etwa in dem Spielfilm "Liebling der Götter" von 1960 argumentiert wird –, ist eine ziemlich irreale These. Renate sprach ausgezeichnet englisch, sie hatte wiederholt in England gedreht und war Mitte der 1930-er Jahre dort bekannter als selbst Marlene Dietrich. Mindestens einmal hatte Renate auch ein Angebot aus Hollywood erhalten. Eine Emigration hätte ihre Karriere eher gefördert als beendet – und überhaupt, wird nicht eine verliebte Frau in jedem Fall die Liebe der Karriere vorziehen?

    Renate wurde auch nicht in Deutschland "eingesperrt", wie ihre Apologeten behaupten. Falls man ihr wirklich den Pass abnahm, kann das nur kurz vor ihrem Tod geschehen sein, denn bis Ende 1936 ist sie nachweislich ungehindert gereist. Die Tatsache, dass sie ihre Reisefreiheit nicht für eine Flucht aus Deutschland nutzte, ist mit der "offiziellen Version" auf keine Weise zu erklären. Sie legt ganz einfach die Vermutung nahe, dass die Nazi-Schikanen gegen Renate Müller halb so wild waren – oder war vielleicht ihre große Liebe halb so wild…?

    Das Liebesleben der Renate Müller ist ein rätselhaftes Kapitel, denn es sieht aus, als hätte sie gar keins geführt. In den diversen Wohnungen und Häusern, die sie im Laufe der Jahre bezog, lebte sie immer allein mit einem oder mehreren Hunden. Zwar wird in den Biographien verschwommen von Affären und Flirts gesprochen, doch es fällt kein einziger Name, der das konkretisieren könnte – bemerkenswert bei einer Frau, die mit den attraktivsten Männern Deutschlands arbeitete, reiste und auf Filmbällen tanzte. Wenn ein Reporter Renate Müller nach ihrem Privatleben fragte, erwiderte sie, dafür fehle ihr die Zeit; und obwohl niemand wirklich glaubte, dass eine schöne Frau, und sei sie auch so arbeitswütig wie Renate, keine Zeit für die Liebe hätte, tauchte doch nie an ihrer Seite ein Mann auf, der das Gegenteil bewies.

    Es soll hier nicht lüstern darüber sinniert werden, was mit dieser Frau "nicht stimmte" oder welches Geheimnis sie verbarg – was es auch war, es würde vermutlich aus heutiger Sicht völlig harmlos wirken. Doch wichtig ist, dass vor dem Hintergrund eines derart konsequenten Singledaseins die behauptete politisch korrekte Romanze mit dem Juden Georg Deutsch sonderbar blass und konstruiert, um nicht zu sagen: gefakt erscheint. Selbst wenn man den Prämissen der Legende folgt, sind Ungereimtheiten nicht zu übersehen. Es heißt, Renate Müller lernte Georg Deutsch 1932 kennen, also vor der Nazi-Ära, doch ein richtiges Paar, das zusammen auftrat oder gar zusammenlebte, sind die beiden damals offenbar nicht gewesen. Als dann die Zeit der Judenverfolgung begann und Georg Deutsch ins Exil gehen musste, soll Renate ihn mehrfach dort aufgesucht haben, aber auch jetzt scheint das Paar an eine gemeinsame Zukunft nicht gedacht zu haben; zumindest ist kein Grund erkennbar, der dieselbe verhindert hätte. Eine leidenschaftliche Liebe, an deren Unerfüllbarkeit eine sensible Frau zugrunde geht, stellt man sich schon ein bisschen blutvoller vor.

    Nach alledem kann auch der letzte Punkt, Renates früher und abrupter Tod, der das Heldenepos vermutlich ausgelöst hat, keine mysteriöse Komponente mehr bergen. Dass Goebbels Renate ermorden ließ, ist als Verschwörungstheorie zu verwerfen. Ein Selbstmordversuch erscheint dagegen möglich, aber eher unwahrscheinlich, schon weil Renate sich in dem Fall wohl ein höher gelegenes Fenster ausgesucht hätte – ein potenzieller Mörder übrigens auch. Davon abgesehen ist nicht überliefert, dass Renate sich mit Selbstmordabsichten trug; vielmehr hat sie wiederholt die Hoffnung ausgedrückt, ihre Krankheiten und Krisen in den Griff zu bekommen. Nein, am schlüssigsten ist einfach die Todesursache, die offiziell verlautbart wurde: Fenstersturz im Suff und ein dadurch ausgelöster schwerer epileptischer Anfall.

    Dumm nur, dass die Welt solche prosaischen Wahrheiten nicht hören will. Natürlich ist Renate Müllers Geschichte auch ohne politisch korrekte Garnierung hochinteressant und lehrreich; der fatale Zusammenklang von äußerem Ruhm und innerem Zerbrechen erinnert ein wenig an Amy Winehouse. Doch fest steht, dass Renate Müller ohne Stilisierung zum Naziopfer weitaus weniger Beachtung seitens der Nachwelt erfahren hätte. Über eine notorische Schnapsdrossel, die hackedicht aus dem Fenster purzelt, hätte Artur Brauner mit Sicherheit keinen teuren Spielfilm produziert. Erst als tragisch Liebende, von den Nazis verfolgt und in den Freitod getrieben, wird Renate Müller präsentabel für das bundesdeutsche Filmpublikum der frühen 1960-er Jahre.

    In dieser Gestalt erscheint sie fortan in allen Berichten und Informationen, auch in der einzigen ausführlichen Biographie "Renate Müller. Ihr Leben ein Drahtseilakt", die 2006 im Verlag Kern erschien. Der Autor Uwe Klöckner-Draga hat zwar vom Songtext bis zur Pressekritik akribisch alle überlieferten Statements von und zu Renate Müller zusammengetragen, doch obwohl nicht wenige von ihnen klar gegen die Legende sprechen, übernimmt er sie beflissen und ohne jeden Zweifel. "Ein deutscher Filmstar, der keinen Juden lieben durfte", lautet der dramatische Untertitel.

    Doch was soll's? Schon heute ist Renate Müller nur noch für eine überschaubare Zahl von älteren oder filmgeschichtlich interessierten Menschen von Bedeutung. Sie steht im Begriff, sich in eine ferne, marginale Figur der Vergangenheit zu verwandeln, geformt nicht von der historischen Wahrheit, sondern von den Wünschen ihrer Biographen – so wie etwa das Bild der realen Jeanne d'Arc längst zerflossen ist in unzähligen Interpretationen. Dieser Aufsatz wird nichts daran ändern, dass Renate Müller so in die Geschichte eingeht, wie die Welt sie in den Jahren ihres Nachruhms sehen wollte. Und was spricht dagegen, es dabei zu belassen und dieser Frau, die einen solch hohen Preis für ihren Aufstieg zahlen musste, wenigstens das edle Image zu gönnen.