Tod und Verklärung der Renate Müller

Veröffentlicht: Dienstag, 31. Oktober 2017 Geschrieben von Tanja Stern

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Blonder Filmstar: Renate Müller (1906-1937)Blonder Filmstar: Renate Müller (1906-1937)Beim Schauspiel aber kam sie sehr gut an. Das Geheimnis ihres Erfolges war nicht außergewöhnliche Schönheit oder herausragende Begabung – in hochdramatischen Szenen stieß Renate schnell an ihre schauspielerischen Grenzen –, es war einfach ihre natürliche und sympathische Ausstrahlung, die ihr die Herzen der Zuschauer gewann. Für die damalige Zeit verkörperte sie einen angenehm modernen Mädchentyp: liebreizend, ohne frivol zu wirken, gescheit, ohne intellektuell zu wirken, eine normale junge Frau mit Herz und Verstand.

Erste kleinere Rollen an verschiedenen Berliner Theatern absolvierte die Achtzehnjährige mit Bravour, und es dauerte kaum ein Jahr, bis auch die großen Regiestars der 1920-er Jahre auf das junge Mädchen aufmerksam wurden. Renate spielte unter Meisterregisseuren wie Jessner, Fehling oder Erich Engel, sie spielte eine Rolle nach der anderen, Klassik und Moderne, Komödie und Tragödie, seichte Possen und philosophische Experimentalstücke, das ganze kunterbunte Repertoire der wilden 1920-er Jahre. "Diesen Namen wird man sich merken müssen – Müller", konstatierte mit trockenem Humor Alfred Kerr, der damalige Kritikerpapst – ein Ritterschlag für die junge Schauspielerin. Übrigens stand sie zu ihrem Allerweltsnamen Müller, der ja auch ihrem Image als nettes Mädchen von nebenan entsprach, und weigerte sich noch Jahre später als Filmstar, ihn durch einen klangvolleren zu ersetzen: "Entweder ich kann was, oder ich kann nichts, dann hilft mir auch der schönste Künstlername nichts."

Schon hatte sich Fräulein Müller in der Berliner Schauspielerriege einen Namen gemacht, als ihr 1928 eine erste Filmrolle angeboten wurde – in einem Stummfilm, wohlgemerkt, der Tonfilm hatte sich noch nicht etabliert. Trotzdem galt der Film allenthalben als neues, aufregendes Medium, und Renate Müller griff begeistert zu, als man ihr die Chance gab, es auszuprobieren. Sie hatte auch hier sofort Erfolg, und weitere Angebote folgten. Allmählich setzte sich der Tonfilm durch, so dass Renate zunehmend ihre Stimme und ihr Gesangstalent einsetzen konnte. Schon bald stand für sie fest, dass der Film ihr eigentliches Medium war und dass sie dem Schauspiel Valet sagen wollte. Renate Müller war Perfektionistin; beim Theater litt sie schwer an Lampenfieber und grämte sich nächtelang, wenn ihr ein Versprecher unterlief. Beim Film konnte sie halbwegs stressfrei arbeiten, konnte misslungene Aufnahmen wiederholen. Und sie hatte die Chance, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland bekannt zu werden. Also gab sie ihre Theaterrollen ab und warf sich ganz dem Film in die Arme.

Auch das erwies sich als gute Entscheidung, denn schon 1931 gelang Renate Müller mit der musikalischen Komödie "Die Privatsekretärin" der endgültige Durchbruch zum Ufa-Filmstar. Die Hauptrollen waren eigentlich Lilian Harvey und Willy Fritsch auf den Leib geschrieben worden, doch das damalige "Traumpaar des deutschen Films" zog andere Termine vor und stand zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht zur Verfügung. Pech für Lilian Harvey – Glück für Renate Müller. Der Film wurde ein Riesenerfolg, und der Schlager "Ich bin ja heut so glücklich, so glücklich, so glücklich", den Renate als verliebte Privatsekretärin zu trällern hatte, erlangte deutschlandweite Popularität. Mehr noch: Von dem Film wurde eine englische ("Sunshine Susie") und eine amerikanische Fassung ("The Office Girl") gedreht, erstere gleichfalls mit Renate in der Hauptrolle und in England sehr erfolgreich, so dass man sich fortan den Namen Müller auch auf internationaler Ebene merkte.

Nun folgte ein Rollenangebot dem anderen, Renate drehte drei, vier Filme pro Jahr und war eine der bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Damals wurden die Darsteller, speziell beim Film, schnell auf bestimmte Typen festgelegt, und Renate Müller war von Anfang an für das heitere Genre programmiert, das in der Filmproduktion jener Jahre auch den breitesten Raum einnahm. Vorzugsweise spielte sie moderne und berufstätige junge Frauen, die nach mancherlei Liebeswirren den richtigen Mann zum Heiraten fanden. Dieser wurde meist von Adolf Wohlbrück verkörpert, so dass sich hier ein ähnlich schematisches "Traumpaar des deutschen Films" etablierte wie Lilian Harvey und Willy Fritsch. Gern wurde in diesen Filmen musiziert, nicht nur mit gelegentlichen Schlagereinlagen, sondern vielfach auch mit komponierten und gereimten Dialogen. Renate Müller bekam reichlich Gelegenheit, ihre Gesangskünste vorzuführen. Unter den Filmen, die sie drehte, ist kein Meisterwerk, das ihren Nachruhm zementieren könnte, doch einige ihrer Komödien haben immerhin einen gewissen filmhistorischen Stellenwert. "Viktor und Viktoria" beispielsweise gilt heute als Urmutter der Genderkomödie.