Tod und Verklärung der Renate Müller

Veröffentlicht: Dienstag, 31. Oktober 2017 Geschrieben von Tanja Stern

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Frau als Mann mit Sockenhaltern: Renate Müller in "Viktor und Viktoria" (1934)Frau als Mann mit Sockenhaltern: Renate Müller in "Viktor und Viktoria" (1934)

Hätte Renate nicht glücklich sein müssen, so glücklich, so glücklich, wie sie sich einst als "Privatsekretärin" pries? Binnen weniger Jahre hatte sie all das erreicht, was sie sich als Theateranfängerin erträumte: Sie war berühmt, sie verdiente viel Geld, sie bewohnte ein schönes Haus in Dahlem, nahm an großen Bällen und Gesellschaften teil… Doch wie so oft im Leben von Künstlern stand auch hier der äußere Aufstieg in gefährlichem Kontrast zur inneren Befindlichkeit. Renate Müller hatte ihre Karriere als genau das nette, fröhliche, charismatisch normale junge Mädchen begonnen, das sie in auf der Leinwand so erfolgreich verkörperte. Doch allmählich entfernte sich die Darstellerin immer weiter von ihrer Figur. Schwer zu sagen, wann und wie ihre Probleme begannen. Schon Anfang der 1930-er Jahre wurde ihr nach einer gynäkologischen Operation, wie damals üblich, zur Schmerzstillung Morphium verabreicht, von dem sie seither trotz mehrerer Entziehungskuren nicht mehr loskam. Bald war ihr Schlaf-Wach-Rhythmus gestört, so dass sie weitere Mittel benötigte, Aufputschmittel, damit sie die harten Drehtage in Babelsberg durchstehen konnte, und Schlafmittel, um nachts wieder herunterzukommen. Renate Müller arbeitete exzessiv; wenn man die lange Liste ihrer Filme zur Kürze ihres Lebens in Beziehung setzt, muss man sie fast schon für einen Workoholic halten. Meist stand sie in aller Frühe auf und verbrachte den ganzen Tag am Set. Doch auch zwischen den Filmaufnahmen hatte sie einen vollen Terminplan: Drehbuchbesprechungen, Gesangsübungen, Sprachunterricht, Korrespondenzen, Reisen, Vertragsverhandlungen… Dazu kam ein reges gesellschaftliches Leben. Renate Müller wurde häufig zu den Partys und Empfängen der Filmwelt geladen, wo der Alkohol in Strömen floss, und sie ließ sich zum Mittrinken nicht lange bitten.

Mit einem Wort: Renate führte ein Leben auf der Überholspur, und das zehrte natürlich an ihrer Substanz. Erst war es der Ehrgeiz der Anfängerin, der sie unermüdlich vorwärts trieb. Dann forderte der Starruhm seinen Preis in Form von tausendfältigen Verpflichtungen. Es war offenbar besonders dieser Starruhm, mit dem Renate nicht gut umgehen konnte. Ständig im Rampenlicht zu stehen, ist selbst für einen gesunden Menschen eine schwere nervliche Belastung; und wenn dazu noch der Druck kommt, sich "zusammenzureißen", sich "nichts anmerken zu lassen", kann sie schnell unerträglich werden.

Renate versuchte, wie viele Schauspieler, ihre Nerven mit Alkohol zu betäuben, doch damit schuf sie sich nur ein weiteres Problem. Irgendwann war sie vom Schnaps genauso abhängig wie von ihren diversen Tabletten und Drogen. Eine leichte Neigung zur Epilepsie wurde durch den exzessiven Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum verhängnisvoll gefördert. Renate brach mehrmals am Set zusammen; Rollen, für die sie vorgesehen war, mussten anderweitig vergeben werden. 1934 schmiss Renate der Ufa einen Film, indem sie sich plötzlich krank meldete und zu den Aufnahmen nicht mehr erschien. Die Ufa, die dadurch viel Geld verlor, kündigte Renate fristlos den Vertrag. Wilde Gerüchte kursierten in Berlin über die mysteriösen Zustände der populären Schauspielerin.

Renate kam bei der Tobis unter. Mit Therapien und Klinikaufenthalten kämpfte sie gegen ihre Krankheiten an. Doch das Filmen konnte und wollte sie nicht aufgeben, schon aus finanziellen Gründen nicht, denn obwohl sie zeitweise viel Geld verdiente, hatte sie horrende Schulden, teils weil sie nicht wirtschaften konnte, doch teils wohl auch aufgrund ihrer teuren Laster. Also drehte sie weiter einen Film nach dem anderen; doch was in den ersten Jahren ihre Freude und Lebenserfüllung war, wurde ihr jetzt zu einer permanenten Qual. Schnell steckte sie wieder im Teufelskreis von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln. Ihren Kollegen und Freunden fiel auf, wie ausgebrannt und depressiv sie wirkte, welche Mühe es sie kostete, die langen Drehtage durchzustehen. Der Filmregisseur Wolfgang Schleif schildert in einer eindrucksvollen Momentaufnahme seiner Memoiren, wie Renate Müller hohläugig und von zwei Bühnenarbeitern gestützt durch die Kulissen zum Drehplatz wankte. Am Ende stellte die Tobis eigens eine Krankenschwester für sie ein, die sie während der Drehtage zu begleiten und medizinisch zu betreuen hatte. Insbesondere sollte sie darüber wachen, dass Renate wenigstens am Set nicht trank. Unter solchen Umständen wurde vor der Kamera weiterhin die äußere Hülle der munteren, agilen und sympathischen jungen Frau abgelichtet, die Renate einmal war, während in der Hülle nur noch ein menschliches Wrack stak. Es war lediglich eine Frage der Zeit, wann auch der Körper den Dienst versagte.

Wahrscheinlich stand sie unter Alkohol und/oder Drogen, als sie im September 1937 aus dem Fenster im ersten Stock ihres Hauses in Berlin-Dahlem stürzte. Ihre Kollegin und Freundin Sybille Schmitz fand sie bewusstlos im Garten liegend. Renate wurde in eine Klinik gebracht und schien sich langsam wieder zu erholen. Doch etwa zwei Wochen nach dem Sturz erlitt die kaum Genesene plötzlich einen schweren epileptischen Anfall mit stundenlangen konvulsivischen Krämpfen, gegen die kein Mittel half. Am 7. Oktober 1937 war sie tot – eine jener tragischen Künstlergestalten, die einen allzu frühen Ruhm mit einem allzu frühen Tod bezahlen müssen.