Tod und Verklärung der Renate Müller

Veröffentlicht: Dienstag, 31. Oktober 2017 Geschrieben von Tanja Stern

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Das könnte schon die ganze Geschichte der Renate Müller sein, und de facto ist sie es vermutlich auch. Doch die bizarren Umstände ihres Lebensendes, verbunden mit ihrem Prominentenstatus und ihrer Involviertheit in die damals tonangebende Künstlerszene Deutschlands, ließen von Anfang an die Gerüchteküche brodeln. War ihr Tod wirklich nur ein dummer Unfall gewesen? Man munkelte von einem Selbstmordversuch, von einem mysteriösen Mordanschlag gar. Hinzu kam, dass Renates Familie mit Vehemenz darauf bedacht war, ihr Andenken ins beste Licht zu rücken und alles unter der Decke zu halten, was hätte fragwürdig erscheinen können. Insbesondere Renates Schwester Gabriele Müller, ihres Zeichens Journalistin, war weit mehr auf den guten Ruf der Toten als auf die historische Wahrheit bedacht. Als die Ufa 1960 das Leben der Renate Müller verfilmte, prozessierte Gabriele verbissen gegen den Produzenten Artur Brauner, um zu verhindern, dass der Film auch die Alkoholsucht ihrer Schwester thematisierte. Sie trat auf, wie üblicherweise die Witwen großer Männer aufzutreten pflegen, diese Plagen der Historiker, die mit eifersüchtiger Loyalität jede wahrheitsgetreue Darstellung eines berühmten Toten torpedieren.

Die Folge war, dass aus der weihevollen Hofberichterstattung der Familie, aus Gerüchten und Halbwahrheiten nach dem Krieg eine wilde Geschichte über Renate Müller entstand, die von Hitler, Goebbels und von einer großen unerfüllten Liebe handelt. Dieser Geschichte zufolge hat Renates Unglück darin bestanden, Hitlers Lieblingsschauspielerin gewesen zu sein. Kaum an der Macht, wollte er sie kennenlernen, worauf Goebbels versuchte, sie mit ihm zu verkuppeln. Renate aber verweigerte sich mutig und zog damit den unversöhnlichen Hass der braunen Machthaber auf sich. Fortan wurde sie von Goebbels gnadenlos verfolgt, bespitzelt und schikaniert. Schnell fand er heraus, dass sie einen nicht hinnehmbaren Geliebten hatte: Georg Deutsch, Sohn eines jüdischen Bankiers und seit der Machtergreifung Hitlers im englischen Exil lebend, wo Renate Müller ihn mehrmals besuchte. Goebbels schäumte, setzte alles daran, die Liebenden voneinander zu trennen. Er ließ Renate Müller den Pass wegnehmen, so dass sie in Deutschland eingesperrt war. Auch zwang er sie, in dem propagandistischen Hetzfilm "Togger" mitzuspielen. Die ständigen Schikanen und Reglementierungen, denen Renate sich ausgesetzt sah, trieben die Ärmste dem Alkohol zu, und das Herzeleid über die Trennung von der großen Liebe ihres Lebens tat ein Übriges, sie zu zerbrechen.

Soweit die offizielle Version, die man in fast von allen Biographien und Berichten über Renate Müller findet. Zwar gibt es für diese Version kaum dokumentarische Belege, doch das muss ja noch nicht heißen, dass sie falsch ist. Liebeshändel dokumentiert man nicht, und Gesinnungen dokumentiert man schon gar nicht – man wird sich sogar hüten, sie zu dokumentieren, wenn sie im Widerspruch zu einem diktatorischen Regime stehen, in dem man lebt. In diesem Fall aber wird die Legende so durchsichtig von dem Zweck regiert, politische Korrektheit herzustellen, dass man nur staunen kann, wie selbst seriöse Historiker sie ungeachtet aller Widersprüche und logischen Löcher so kritiklos übernehmen und erhalten konnten.

Doch der Reihe nach: Ist es glaubhaft, dass Goebbels versuchte, Renate Müller mit Hitler zu verkuppeln – dass also Hitler darauf aus war, sich verkuppeln zu lassen? Klares Nein. Selbst wenn Renate Müller Hitlers Lieblingsschauspielerin war – was man natürlich gerne glaubt –, so folgt daraus noch lange nicht, dass er eine Beziehung, welcher Art auch immer, zu ihr anknüpfen wollte. Wie man weiß, war Hitler extrem bindungsscheu und alles andere als ein Womanizer. Zum fraglichen Zeitpunkt war er gerade frisch mit Eva Braun liiert, und an Verehrerinnen litt er keinen Mangel. Es ist nicht bekannt und äußerst unwahrscheinlich, dass er sich von Goebbels Frauen zuführen ließ.

Dagegen war Goebbels selbst notorisch hinter jungen Schauspielerinnen her, und die blonde, attraktive Renate Müller passte genau in sein Beuteschema. Hätte er sie angegraben und sich einen Korb geholt, so wäre ohne Weiteres glaubhaft gewesen, dass er sie hasste und verfolgte. Aber so scheint die Sache nicht gelaufen zu sein. Aus Goebbels' Tagebuchnotizen zur Person der Renate Müller spricht erstaunlicherweise weder Lüsternheit noch Hass. In ihrem letzten Jahr, als es so schlimm um sie stand, äußert er vielmehr Mitleid und den Wunsch, ihr zu helfen. Einmal muss sie sich sogar bei ihm ausgeheult haben. ("Renate Müller erzählt mir ihre Leidengeschichte. Sie ist eine kranke Frau.") Die Nachricht von ihrem Tod kommentiert er mit aufrichtig wirkendem Bedauern. Die Behauptung, er hätte sie als eine Regimegegnerin angesehen und deshalb mit Schikanen verfolgt, wirkt in Anbetracht dieser Fakten völlig aus der Luft gegriffen.

Das führt uns zu der Frage, ob Renate Müller tatsächlich eine Regimegegnerin war; und auch hier ist die Antwort ein klares Nein. Nicht dass sie das Regime befürwortet hätte, sie erscheint einfach als der Prototyp eines politisch völlig desinteressierten Menschen. Diese Frau hatte den Kopf so voll mit Kostümen, Rollen, Masken, Texten, dass sie offenbar kaum bemerkte, wer draußen in der wirklichen Welt gerade regierte. Nahezu jede Äußerung, die von ihr überliefert ist, bezieht sich auf Filme, Kollegen oder Drehorte. Nach den ideologischen Hintergründen ihrer Rollen hat sie kaum gefragt. Sie spielte alles, wie es gerade kam, ob "Togger" oder "Viktor und Viktoria". Niemand brauchte sie von außen zu zwingen, eine Rolle zu übernehmen. Ihr eigener Ehrgeiz, ihre Arbeitswut und später ihre Schulden waren Zwang genug.

Nun ließen sich die Nazis nicht so einfach ignorieren wie die Regierung der Weimarer Republik. Sie machten herrisch ihre Ansprüche geltend, verlangten ständig Ergebenheitsadressen. Jeder Schauspieler, der auf deutschen Leinwänden agierte, musste einen "Ariernachweis" vorlegen, auch die viel beschäftigte Renate Müller, die doch gar keine Zeit für solchen Schnickschnack hatte. Dass man deswegen immer wieder mahnte, hat sie zweifellos genervt, aber nicht weil sie von dem Arierwahn der Nazis abgestoßen war, sondern weil sie sich ständig auf penetrante Art und Weise daran erinnert sah. Ein andermal beschwerte sich ein patriotisch gesinnter Nachbar, er hätte an Hindenburgs Begräbnistag laute Unterhaltungsmusik aus Renate Müllers Haus gehört; und auch darauf musste sie ärgerlicherweise reagieren und sich verteidigen. Allerdings, Renate wurde von den Nazis schikaniert, doch ganz im Rahmen der Schikanen, die eine junge, siegestrunkene Diktatur all ihren Bürgern auferlegt. Sie wurde auch polizeilich bespitzelt, sicherlich massiver als andere aufgrund ihrer Prominenz und ihrer häufigen Auslandskontakte. Vielleicht sah Goebbels die Gefahr, dass sie, wie so viele ihrer Kollegen, Deutschland den Rücken kehren könnte.