Tod und Verklärung der Renate Müller

Veröffentlicht: Dienstag, 31. Oktober 2017 Geschrieben von Tanja Stern

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Da konnte er allerdings ganz beruhigt sein – Renate Müller hat eine Emigration, soweit man weiß, zu keinem Zeitpunkt erwogen, und das ist ein Punkt, der ihre politisch korrekten Biographen nicht wenig in Verlegenheit bringt: In Deutschland verfolgt sie der böse Goebbels, in England winkt das Glück der großen Liebe, da kann die Wahl doch nicht so schwer fallen. Dass Renates Karriere oder gar ihre Existenz gefährdet gewesen wäre, wenn sie Deutschland verlassen hätte – wie etwa in dem Spielfilm "Liebling der Götter" von 1960 argumentiert wird –, ist eine ziemlich irreale These. Renate sprach ausgezeichnet englisch, sie hatte wiederholt in England gedreht und war Mitte der 1930-er Jahre dort bekannter als selbst Marlene Dietrich. Mindestens einmal hatte Renate auch ein Angebot aus Hollywood erhalten. Eine Emigration hätte ihre Karriere eher gefördert als beendet – und überhaupt, wird nicht eine verliebte Frau in jedem Fall die Liebe der Karriere vorziehen?

Renate wurde auch nicht in Deutschland "eingesperrt", wie ihre Apologeten behaupten. Falls man ihr wirklich den Pass abnahm, kann das nur kurz vor ihrem Tod geschehen sein, denn bis Ende 1936 ist sie nachweislich ungehindert gereist. Die Tatsache, dass sie ihre Reisefreiheit nicht für eine Flucht aus Deutschland nutzte, ist mit der "offiziellen Version" auf keine Weise zu erklären. Sie legt ganz einfach die Vermutung nahe, dass die Nazi-Schikanen gegen Renate Müller halb so wild waren – oder war vielleicht ihre große Liebe halb so wild…?

Das Liebesleben der Renate Müller ist ein rätselhaftes Kapitel, denn es sieht aus, als hätte sie gar keins geführt. In den diversen Wohnungen und Häusern, die sie im Laufe der Jahre bezog, lebte sie immer allein mit einem oder mehreren Hunden. Zwar wird in den Biographien verschwommen von Affären und Flirts gesprochen, doch es fällt kein einziger Name, der das konkretisieren könnte – bemerkenswert bei einer Frau, die mit den attraktivsten Männern Deutschlands arbeitete, reiste und auf Filmbällen tanzte. Wenn ein Reporter Renate Müller nach ihrem Privatleben fragte, erwiderte sie, dafür fehle ihr die Zeit; und obwohl niemand wirklich glaubte, dass eine schöne Frau, und sei sie auch so arbeitswütig wie Renate, keine Zeit für die Liebe hätte, tauchte doch nie an ihrer Seite ein Mann auf, der das Gegenteil bewies.

Es soll hier nicht lüstern darüber sinniert werden, was mit dieser Frau "nicht stimmte" oder welches Geheimnis sie verbarg – was es auch war, es würde vermutlich aus heutiger Sicht völlig harmlos wirken. Doch wichtig ist, dass vor dem Hintergrund eines derart konsequenten Singledaseins die behauptete politisch korrekte Romanze mit dem Juden Georg Deutsch sonderbar blass und konstruiert, um nicht zu sagen: gefakt erscheint. Selbst wenn man den Prämissen der Legende folgt, sind Ungereimtheiten nicht zu übersehen. Es heißt, Renate Müller lernte Georg Deutsch 1932 kennen, also vor der Nazi-Ära, doch ein richtiges Paar, das zusammen auftrat oder gar zusammenlebte, sind die beiden damals offenbar nicht gewesen. Als dann die Zeit der Judenverfolgung begann und Georg Deutsch ins Exil gehen musste, soll Renate ihn mehrfach dort aufgesucht haben, aber auch jetzt scheint das Paar an eine gemeinsame Zukunft nicht gedacht zu haben; zumindest ist kein Grund erkennbar, der dieselbe verhindert hätte. Eine leidenschaftliche Liebe, an deren Unerfüllbarkeit eine sensible Frau zugrunde geht, stellt man sich schon ein bisschen blutvoller vor.

Nach alledem kann auch der letzte Punkt, Renates früher und abrupter Tod, der das Heldenepos vermutlich ausgelöst hat, keine mysteriöse Komponente mehr bergen. Dass Goebbels Renate ermorden ließ, ist als Verschwörungstheorie zu verwerfen. Ein Selbstmordversuch erscheint dagegen möglich, aber eher unwahrscheinlich, schon weil Renate sich in dem Fall wohl ein höher gelegenes Fenster ausgesucht hätte – ein potenzieller Mörder übrigens auch. Davon abgesehen ist nicht überliefert, dass Renate sich mit Selbstmordabsichten trug; vielmehr hat sie wiederholt die Hoffnung ausgedrückt, ihre Krankheiten und Krisen in den Griff zu bekommen. Nein, am schlüssigsten ist einfach die Todesursache, die offiziell verlautbart wurde: Fenstersturz im Suff und ein dadurch ausgelöster schwerer epileptischer Anfall.

Dumm nur, dass die Welt solche prosaischen Wahrheiten nicht hören will. Natürlich ist Renate Müllers Geschichte auch ohne politisch korrekte Garnierung hochinteressant und lehrreich; der fatale Zusammenklang von äußerem Ruhm und innerem Zerbrechen erinnert ein wenig an Amy Winehouse. Doch fest steht, dass Renate Müller ohne Stilisierung zum Naziopfer weitaus weniger Beachtung seitens der Nachwelt erfahren hätte. Über eine notorische Schnapsdrossel, die hackedicht aus dem Fenster purzelt, hätte Artur Brauner mit Sicherheit keinen teuren Spielfilm produziert. Erst als tragisch Liebende, von den Nazis verfolgt und in den Freitod getrieben, wird Renate Müller präsentabel für das bundesdeutsche Filmpublikum der frühen 1960-er Jahre.

In dieser Gestalt erscheint sie fortan in allen Berichten und Informationen, auch in der einzigen ausführlichen Biographie "Renate Müller. Ihr Leben ein Drahtseilakt", die 2006 im Verlag Kern erschien. Der Autor Uwe Klöckner-Draga hat zwar vom Songtext bis zur Pressekritik akribisch alle überlieferten Statements von und zu Renate Müller zusammengetragen, doch obwohl nicht wenige von ihnen klar gegen die Legende sprechen, übernimmt er sie beflissen und ohne jeden Zweifel. "Ein deutscher Filmstar, der keinen Juden lieben durfte", lautet der dramatische Untertitel.

Doch was soll's? Schon heute ist Renate Müller nur noch für eine überschaubare Zahl von älteren oder filmgeschichtlich interessierten Menschen von Bedeutung. Sie steht im Begriff, sich in eine ferne, marginale Figur der Vergangenheit zu verwandeln, geformt nicht von der historischen Wahrheit, sondern von den Wünschen ihrer Biographen – so wie etwa das Bild der realen Jeanne d'Arc längst zerflossen ist in unzähligen Interpretationen. Dieser Aufsatz wird nichts daran ändern, dass Renate Müller so in die Geschichte eingeht, wie die Welt sie in den Jahren ihres Nachruhms sehen wollte. Und was spricht dagegen, es dabei zu belassen und dieser Frau, die einen solch hohen Preis für ihren Aufstieg zahlen musste, wenigstens das edle Image zu gönnen.[/acc_item]

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